An Bord mit Magellan

Aktualisiert am 21. Dezember 2020

Warum sollte man ein fast fünfhundert Jahre altes Buch, das bereits mehrfach ins Deutsche übertragen wurde, nochmals übersetzen?

Weil das Buch wichtig ist und weil es von ihm bisher keine gute deutsche Übersetzung gab.

Das Buch, das ich meine, ist Antonio Pigafettas „Bericht von der ersten Reise rund um den Globus“. Der wohlgeborene Ritter aus Vicenza hatte 1519 bis 1522 an der ersten historisch belegten Umsegelung der Erde teilgenommen. Anders als die meisten seiner Mitfahrer überlebte er die Reise, sodass er nach der Rückkehr einen Reisebericht schreiben konnte. Sein Bericht ist die detaillierteste und lebendigste Erzählung eines Augenzeugen dieser historischen Fahrt. Pigafetta schildert das entbehrungsreiche Leben an Bord, die Gefahren und Abenteuer, die er und seine Mitstreiter durchstanden, und nicht zuletzt erzählt er von seinen zahlreichen Begegnungen mit anderen Menschen.

Karte von Cebu und Mactan in Pigafettas Reisebericht.
Bild: Wikimedia Commons

Pigafetta begegnete vielen Menschen, die zuvor nie oder kaum Kontakt mit Europäern gehabt hatten: den Tupi im heutigen Brasilien, den Tehuelche Patagoniens, den Chamorros auf Guam, den Visayern auf den heutigen Philippinen, den Einwohnern Mindanaos, Borneos, der Molukken und Timors. Die Arten und Weisen, wie all diese Leute lebten, sprachen, sich kleideten und ernährten, wie sie musizierten, Krieg führten, Sex hatten und ihre Götter verehrten, waren für Pigafetta und seine europäischen Zeitgenossen unerhört neu und fremdartig. Pigafetta beobachtete aufmerksam, stellte Fragen, lernte fremde Sprachen und schrieb auf, was ihm bemerkenswert erschien. So wurde er zum Ethnologen avant la lettre, der uns eine Beschreibung der Erde und ihrer Kulturen in den ersten Tagen der Globalisierung überliefert hat. Eine Beschreibung, die uns auch helfen kann, unsere Gegenwart, die mehr denn je von derselben Globalisierung geprägt ist, besser zu verstehen.

Habent sua fata libelli: Auch Pigafettas Buch hatte ein wechselvolles Schicksal. Zunächst nur in einer gekürzten französischen Übersetzung gedruckt, dann ins Italienische rückübersetzt, wurde Pigafettas ursprünglicher Text erst um 1800 in einer Mailänder Bibliothek wiederentdeckt. Er ist in einem Dialekt verfasst, wie man ihn im 16. Jahrhundert in Vicenza sprach. Allerdings meinte der Wieder-Entdecker von Pigafettas Bericht, der Mailänder Bibliothekar Carlo Amoretti, dass man dem Publikum die eigentümliche, oft derbe Sprache des Autors nicht zumuten könne. Daher „übersetzte“ Amoretti den Bericht ins moderne Italienisch und glättete dabei so manche Passage, die er als anstößig oder unklar empfand.

Mittlerweile gibt es längst originalgetreue Ausgaben von Pigafettas Buch: in der Originalsprache, in französischer und in englischer Übersetzung, es gibt Faksimile- und kritische Editionen. Nur im Deutschen gab es bis dato nichts dergleichen. Die einzige bisher hierzulande auf dem Buchmarkt erhältliche Ausgabe bringt einen vielfach gekürzten, an anderen Stellen willkürlich erweiterten Text, ohne dass Kürzungen oder Erweiterungen kenntlich gemacht wären; die Übersetzung selbst ist mitunter freizügig bis zur Sinnentstellung. Beispiel gefällig? Folgende Passage aus Pigafettas Bericht wurde in der bisher erhältlichen Edition kommentarlos gestrichen:

Eines Tages kam ein schönes junges Mädchen auf das Flaggschiff, wo ich mich aufhielt, zu nichts anderem, als um ihr Glück zu versuchen. Wie sie so abwartend dastand, warf sie einen Blick auf die Kajüte des Meisters und sah einen Nagel länger als einen Finger, den sie mit großer Vornehmheit und Anmut an sich nahm. Sie steckte ihn zwischen die Lippen ihrer Natur und verschwand heimlich, still und leise. Das sahen der Generalkapitän und ich.

Zeichnung der Insel Timor in Pigafettas Reisebericht.
Bild: Wikimedia Commons.

Weil ich fand, dass auch Leserinnen und Leser des Deutschen dieses wichtige und obendrein sehr unterhaltsame Buch in möglichst authentischer Form lesen können sollten, habe ich es direkt aus der Originalsprache, dem Venetischen des 16. Jahrhunderts, neu übersetzt. Und damit alle den Text einordnen und verstehen können, habe ich eine historische Einleitung und einen Fußnoten-Kommentar hinzugefügt, in dem alle fremdartigen Namen und Begriffe erklärt werden. Ganz besonders freut mich, dass die Neuausgabe auch die 23 farbigen Miniaturen enthält, die Pigafetta selbst seinem Werk beigegeben hatte und die bisher in keiner deutschen Ausgabe abgedruckt wurden.

Ich danke dem Deutschen Übersetzerfonds für ein großzügiges Arbeitsstipendium und dem Verlag wbg Edition für die schöne und hochwertige Ausgabe. Dank ihr kann man nun den „echten“ Pigafetta auch auf Deutsch lesen. Viel Spaß bei der Lektüre und – buon viaggio!

Bild: wbg

Erstmals vollständig übersetzt und kommentiert von Christian Jostmann. 2020. 272 S. mit 31 farb. Abb. und 1 Kt., 14,5 x 21,5 cm, geb. mit SU. u. Lesebändchen, wbg Edition, Darmstadt. 28 Euro (22,40 für Mitglieder der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft).

Jostmanns Ziel war es, Pigafettas Bericht »in authentischer und zugleich lesbarer Form einem größeren Publikum auf Deutsch zugänglich zu machen«. Das ist ihm mit diesem Buch rundum gelungen.“ (Gerhard Schmitz in Spektrum der Wissenschaft)

Pigafettas Bericht ist eine Kostbarkeit der Weltreiseliteratur. Seine Schilderungen der exotischen Länder und der Indigenen zeugen von einem neugierigen Blick auf das Fremde … Nun hat der Historiker Christian Jostmann … den Bericht nach der maßgeblichen Mailänder Handschrift neu übersetzt. Zwar erscheint die Übersetzung an manchen Stellen etwas hölzerner als die gewohnte von Robert Grün, doch ist der Text zum ersten Mal in einer verlässlichen Ausgabe zugänglich.“ (Hans-Christian Riechers in Der Tagesspiegel)

Pigafettas von Christian Jostmann erstmals vollständig ins Deutsche übertragener und fachkundig kommentierter Bericht, regt zu vielen Fragen … an. Sie justieren unseren Blick auf das Eigene und das Fremde neu und fordern unsere Haltung zu Europas kolonialem Erbe heraus.“ (Frank Kaspar in Antonio Pigafetta: „Die erste Reise um die Welt“ – Augenzeuge der Kolonisierung (deutschlandfunkkultur.de)

Neues von Pigafetta

Veröffentlicht am 19. Mai 2020

Es ist an der Zeit, wieder einmal von Antonio Pigafetta zu sprechen. Dem Ritter aus der norditalienischen Stadt Vicenza verdanken wir eines der schönsten Reisebücher der Weltliteratur, nämlich seinen Bericht über die erste Umrundung der Erde. Darin erzählt Pigafetta höchst anschaulich und lebendig von seiner Fahrt auf der Armada des Magellan, die ihn zwischen 1519 und 1522 von Spanien über Südamerika und den Pazifik bis zu den heutigen Philippinen, nach Borneo, zu den Molukken, nach Timor und um das Kap der Guten Hoffnung zurück nach Sevilla – kurzum: einmal rund um die Welt – führte.

Erste Karte der Magellanstraße, aus Pigafettas Bericht
(Bild: Biblioteca Nacional de Chile)

Bisher war Pigafettas Bericht auf Deutsch nur in gekürzten oder willkürlich umgearbeiteten Versionen erhältlich, die keinen authentischen Eindruck von diesem lesenswerten Text vermitteln. Ich habe mir daher, unterstützt vom Deutschen Übersetzerfonds, die Mühe gemacht, den gesamten Bericht nach der besten erhaltenen Handschrift, L 103 Sup. der Mailänder Biblioteca Ambrosiana, neu zu übersetzen. Und im Verlag wbg-Wissen verbindet habe ich einen kompetenten Partner gefunden, der meine Neuübersetzung im Druck herausgeben wird.

Neben der ersten vollständigen, originalgetreuen Übersetzung von Pigafettas Bericht ins Deutsche wird die Neuausgabe eine Einleitung und detaillierte Kommentare enthalten, die Leserinnen und Lesern der Gegenwart einen barrierefreien Zugang zur fernen Welt des frühen 16. Jahrhunderts ermöglichen. Außerdem werden darin erstmals sämtliche farbigen Miniaturen abgebildet sein, mit denen Pigafetta sein Werk geschmückt hat. Das Buch soll Mitte September erscheinen – ich freue mich schon sehr darauf!

Der Heilige Hiob auf Timor

Veröffentlicht am 23. März 2020

Am 25. Januar 1522 erreichte der italienische Ritter Antonio Pigafetta auf dem spanischen Dreimaster Victoria die Insel Timor. Pigafetta und seine Gefährten waren nicht die Ersten, die aus Europa nach Timor kamen. Portugiesische Schiffe liefen die Insel bereits seit ein paar Jahren immer wieder an, um ihren wichtigsten Exportartikel einzukaufen: Sandelholz. Die Victoria war allerdings das erste Schiff, das Timor, ja überhaupt Asien von Westen kommend ansteuerte, auf dem langen Weg um die Südspitze Amerikas herum und über den Pazifik. Und Pigafetta war der erste europäische Autor, der eine Beschreibung der Insel lieferte – in seinem „Bericht über die erste Umrundung der Erde“, den er nach der Rückkehr verfasste.

Karte von Timor aus Pigafettas Bericht. Süden ist oben. Bild: Wikimedia Commons

Neben anderen Details über die Lebensweise der Einheimischen, ihre Kleidung und Ernährung, die Sandelholzproduktion und die Herrschaftsverhältnisse auf Timor berichtete Pigafetta auch von einer Krankheit, die auf allen Inseln des Malaiischen Archipels grassiert habe, besonders stark aber auf Timor. Pigafetta nannte diese Krankheit „das Leiden des Heiligen Hiob“. Die Einheimischen würden sie allerdings „for franchi“ nennen, „das heißt portugiesische Krankheit“.

Frühe Darstellung eines Syphilis-Kranken. Albrecht Dürer zugschrieben. Bild: Wikimedia Commons

„Leiden des Heiligen Hiob“: Das war im Europa der Frühen Neuzeit ein Name für die Syphilis, eine Seuche, die am Ende des 15. Jahrhunderts erstmals in Italien massenhaft ausgebrochen war und von der man annimmt, dass Rückkehrer der Columbus-Expeditionen sie aus Amerika eingeschleppt hatten. Pigafettas Bericht zeigt, dass die Syphilis ein Vierteljahrhundert später bereits den äußersten östlichen Rand der „Alten Welt“ erreicht hatte, mutmaßlich an Bord portugiesischer Schiffe, waren diese bis dato doch die einzigen, die den Seeweg zwischen Europa und Asien befuhren. Daher nannten die Einheimischen sie „portugiesische“ oder wörtlich „fränkische Krankheit“.

Mit dem Adjektiv „fränkisch“ wurden in Indien und Südasien seit etwa der Zeit Karls des Großen allgemein Fremde belegt, die aus Europa kamen. Zu Anfang des 16. Jahrhunderts waren das mehrheitlich Portugiesen, die durch Schiffs- und Geschlechtsverkehr einen Beitrag zur „unification microbienne du monde“ (Emmanuel Le Roy Ladurie) leisteten, zur „mikrobiellen Vereinigung der Welt“ im beginnenden Zeitalter der Globalisierung. In der vedischen Medizin heisst die Syphilis übrigens auch heute noch „firanga roga“: fränkische Krankheit.

Das Pigafetta-Projekt

VeröffentlichT am 3. Juni 2019

In den Jahren 1519 bis 1522 umsegelte erstmals ein Schiff nachweislich die gesamte Erde von Ost nach West. Zu den wenigen Überlebenden dieser epischen Fahrt, die der Portugiese Ferdinand Magellan im Auftrag der spanischen Krone initiiert hatte, gehörte Antonio Pigafetta, ein Patrizier aus Vicenza. Pigafetta schrieb nach der Rückkehr ein Buch über seine Erlebnisse, das heute als Klassiker der Reiseliteratur gilt.

Pigafetta war der erste, der in Europa von fremden Kulturen wie den Patagoniern (die von ihm ihren Namen erhielten), den Chamorros auf Guam, den Visayas auf den heutigen Philippinen, von fernen Inseln wie Borneo und Timor berichtete. Er begegnete dem Fremden mit Neugier und erstaunlich wenig Vorurteilen; und er wusste seine Erfahrungen in Worte zu kleiden, die nicht nur seinen Zeitgenossen eine ferne Welt näherbrachten, sondern diese auch für Leserinnen und Leser des 21. Jahrhunderts wieder lebendig werden lassen.

Von Pigafettas anhaltender Bedeutung kündet eine Vielzahl von Studien, Editionen und Übersetzungen aus dem Venezianischen, etliche davon jüngeren Datums. So erschien 2007 eine vorzügliche Neuausgabe des französischen Pigafetta im Pariser Verlag Chandeigne.

Bild: J.A. Robertson, Magellan’s Voyage Around the World

Wer jedoch Pigafettas Reisebericht auf deutsch lesen möchte, muss auf einen verstümmelten Text zurückgreifen. In der einzigen auf dem hiesigen Buchmarkt erhältlichen Ausgabe ist der Originaltext an mehreren Stellen verkürzt, dafür sind andere Passagen hinzugefügt, die nicht aus Pigafettas Feder stammen, ohne dass die Kürzungen und Hinzufügungen als solche kenntlich gemacht wären. So wurde etwa folgender Abschnitt über den Aufenthalt der Flotte in der Guanabara- Bucht (Rio de Janeiro) kommentarlos gestrichen (Übersetzung von mir):

„Ein schönes Mädchen kam eines Tages auf das Flaggschiff, wo ich mich aufhielt, einfach nur um anzubandeln. Wie sie so abwartend dastand, warf sie einen Blick in die Kajüte des Meisters und sah dort einen Nagel, länger als ein Finger. Den nahm sie mit großer Vornehmheit und Anmut an sich, schob ihn zwischen die Lippen ihrer Natur und verschwand plötzlich, wobei sie sich ganz klein machte. Dies sahen der Generalkapitän und ich.“

Man muss kein Philologe oder Historiker sein, um derartige Eingriffe in einen Text, der zu den großen der Weltliteratur zählt, inakzeptabel zu finden. Eine zeitgemäße Neuausgabe von Pigafetta Reisebericht für ein deutsch lesendes Publikum ist überfällig, und ich bin überzeugt, dass eine solche auch am Buchmarkt ihre Käuferinnen und Käufer fände.

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