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Shisha-Kohle an Bord vom 25. Juli 2021

Land der Autoholiker vom 30. Juni 2021

Mit Magellan und Pigafetta (noch nicht) nach Reutlingen vom 21. Juni 2021

Hitler, Magellan und Stefan Zweig vom 21. Mai 2021

Wunder für die Augen: Islamische Weltkarten vom 26. April 2021

Frosch oder Vogel? vom 19. April 2021

Zeichen der Zeit vom 28. März 2021

Dieses Spiel geht nur zu zweit vom 8. März 2021

Skifoan! vom 22. Februar 2021

Hauptsache gesund vom 22. Februar 2021

Pigafetta im Radio vom 12. Januar 2021

Maßloses Wünschen vom 22. Dezember 2020

Weiße Götter, braune Naturkinder vom 26. November 2020

Was 11.000 Jungfrauen mit einem Kap in Argentinien zu tun haben vom 20. Oktober 2020

An Bord mit Magellan vom 21. September 2020

1000 Jahre Globalisierung? vom 31. August 2020

Neues von Pigafetta vom 19. Mai 2020

Verdachtsunabhängige Kontrolle vom 17. April 2020

Der Heilige Hiob auf Timor vom 23. März 2020

Autorenlesung in Entringen vom 28. Januar 2020

„… dass wir die gesamte Rundung der Welt entdeckt haben.“ vom 12. Dezember 2019

Erste Erdumrundung on air vom 13. September 2019

Ein halbes Jahrtausend vom 13. August 2019

Spektroskopie vom 24. Juni 2019

Das Pigafetta-Projekt vom 3. Juni 2019

Werk.Gänge vom 18. Mai 2019

Ankündigung: Lesung bei München vom 24. April 2019

Schall und Rauch vom 31. März 2019

Magellan-Mythen vom 8. März 2019

Buch ahoi! vom 13. Februar 2019

Der (un)romantische Magellan vom 28. Januar 2019

Mit Magellan um die Welt vom 7. Januar 2019

Shisha-Kohle an Bord

Veröffentlicht am 25. Juli 2021

In Spanien nennen sie es „Operación Paso del Estrecho“: Operation Querung der Meerenge. Alljährlich zu Sommerbeginn machen sich von Frankreich, Belgien und anderen westeuropäischen Ländern mehr als 3.000.000 Menschen auf die Reise, um die Ferien bei ihren Familien in Nordafrika zu verbringen. In nur wenigen Tagen ist der Transport von rund 750.000 Fahrzeugen über die Meerenge von Gibraltar zu bewältigen.

Koordiniert wird die „Operación Paso del Estrecho“ seit 1986 vom spanischen Zivilschutz. Nachdem sie 2020 wegen der Covid-Pandemie ausgefallen war, wurde sie in diesem Jahr nach einem diplomatischen Zerwürfnis zwischen Marokko und Spanien abermals abgesagt. Viele Heimaturlauber in den Maghreb sind darum auf Häfen in Portugal, Frankreich oder Italien ausgewichen. Und so wurden auch wir unverhofft Teil dieser Karawane nach Süden, als wir Anfang Juli in Genua an Bord der Majestic gingen, einer Fähre der italienischen Schiffahrtsgesellschaft „Grandi Navi Veloci“.

Die 1993 in Dienst gestellte Majestic soll die Geschwindigkeit einer Fähre mit dem Komfort eines Kreuzfahrtschiffs vereinen. Sie ist 188 Meter lang, fährt im Schnitt 21 Knoten und kann 760 Autos plus 1650 Passagiere laden. Von denen hatten offenbar nur die wenigsten wie wir die Passage Genua-Barcelona gebucht. Arabisch-italienisches Stimmengewirr im Terminal (wo drei angegraute Motorradrocker aus St. Johann im Pongau, die ihre Papiere nicht in Ordnung hatten, dafür sorgten, dass schon beim Check-In die Wogen hochgingen); auf dem Kai lange Schlangen von Autos und Kleintransportern, viele mit dicken, in Plastikplanen eingepackten Bündeln auf den Dächern – all das sagte uns, dass die meisten unserer Mitreisenden wohl nach Tanger weiterfahren würden.

Stundenlang lag die Majestic mit wummernden Dieselmotoren an den Leinen, während Arbeiter in gelben Warnwesten ein Auto nach dem anderen in ihren Bauch winkten. Unterdessen füllten sich die Decks allmählich mit Männern in Tunika, Frauen mit Kopftuch, herumtollenden Kindern. Lautsprecher-Durchsagen auf Italienisch, Englisch, Spanisch, Französisch und Arabisch. In den Gängen wurden Decken und Schlafsäcke ausgerollt, in windgeschützten Ecken der Außengalerien Shisha-Pfeifen angezündet.

Und als das Schiff endlich abgelegt und Kurs auf Barcelona genommen hatte und sich über der provenzalischen Küste die Sonne senkte, Küste und Meer und Schiff in goldenen Glanz tauchend, spielte im großen Salon der Majestic eine Zwei-Mann-Kapelle auf und beschallte die Decks mit lauter marokkanischer Popmusik. Da wurde uns wieder einmal bewusst, dass das Mittelmeer seit alters Europa mit Afrika verbindet.

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Land der Autoholiker

Veröffentlicht am 30. Juni 2021

Kürzlich im Rathaus einer Kleinstadt am Lande, unweit von Wien: Verkehrsverhandlung. Anwesend sind die Spitzen der Lokalpolitik, Vertreter der Stadtverwaltung, der Leiter der Straßenmeisterei. Die Bezirkshauptmannschaft hat Beamte geschickt, das Land Niederösterreich einen Experten für Verkehrssicherheit und die Radlobby einen interessierten Bürger.

Die versammelten Herrschaften erörtern die Problematik einer Zufahrtsstraße, die kurvig und stellenweise so schmal ist, dass Radfahrende den motorisierten Verkehr ausbremsen und Gefahr laufen, mit selbigem in Konflikt zu geraten. Zu ihrem eigenen Wohle hat man daher bislang von allen Maßnahmen Abstand genommen, die Radler*innen womöglich zum Befahren der Straße ermuntern könnten, wie zum Beispiel ein markierter Radfahrstreifen.

Doch die Zeiten ändern sich, auch in einer kleinen Stadt am Lande. Klimawandel, Zuzug aus Wien, von Jahr zu Jahr anschwellender Auto- und Radverkehr sowie die Vorgaben der Landespolitik erzeugen vor Ort einen gewissen Handlungsdruck. Hat sich doch das Land Niederösterreich ein stolzes Ziel gesetzt: den Anteil des Radverkehrs bis 2030 von 7% auf 14% zu verdoppeln. Um es zu erreichen, wurden kühne Strategiepapiere verfasst, auf dem Reißbrett „Rad-Basisnetze“ entworfen, sogar ein „Mobility Lab“ erschaffen. Zig Fördermillionen warten nur auf ihren Abruf.

Der Bürgermeister der Stadt beauftragt also ein Verkehrsplanungsbüro, ein Konzept zu entwickeln, wie man besagte Straße für radelnde Menschen sicherer und attraktiver machen könnte. Die Verkehrsplaner wälzen Studien, erheben Daten, zeichnen Pläne. Monatelang rauchen die Köpfe. Endlich präsentieren die Planer ihren Vorschlag: An beiden Straßenrändern sollen sogenannte Mehrzweckstreifen markiert und rot eingefärbt werden. Die Streifen sind für Fahrräder, dürfen aber, wenn gerade keines dort fährt, auch von Autos benutzt werden, etwa um Gegenverkehr auszuweichen. Außerdem sieht das Konzept vor, die Höchstgeschwindigkeit von 50 auf 30 km/h zu reduzieren.

Riskantes Verkehrsexperiment? (Beispielbild aus einem anderen Teil Europas)
Bild: Maurits90, CC0, via Wikimedia Commons

Das Konzept überzeugt den Bürgermeister und den Verkehrsstadtrat. Auch die Amtssachverständigen der Bezirkshauptmannschaft haben keine Bedenken, zumal die vorgeschlagene Lösung seit langem bewährter Praxis in anderen Teilen Europas, ja selbst Österreichs entspricht. Es besteht mithin gute Aussicht, dass das Konzept unbeschadet durch die Verkehrsverhandlung kommt.

Da ergreift der Experte vom Land Niederösterreich das Wort.

Zwischen den Mehrzweckstreifen bleibe eine viel zu schmale Kernfahrbahn übrig, sagt er. Da könne es zu Frontalkollisionen von Autos kommen, deren Lenker*innen womöglich nicht wagen würden, den rot gefärbten Mehrzweckstreifen zu befahren. Sowas sei ein riskantes Experiment mit unsicherem Ausgang, quasi mit den Verkehrsteilnehmern als Versuchskaninchen. Und überhaupt könne man nicht einfach so Tempo 30 verordnen. Laut StVO gelte innerorts eine Höchstgeschwindigkeit von 50 km/h. Wer sie ohne stichhaltige Begründung senke, mache sich „eines Rechtsbruchs schuldig“.

Das versammelte Dutzend an Politikern, Beamten und Bürgern schweigt erschüttert. Allein der Bürgermeister wirft sich in die Bresche: Ob das Konzept nicht trotzdem eine Verbesserung bedeute gegenüber dem Status quo? Die Situation auf dieser Straße sei nicht mehr tragbar. Als Bürgermeister brauche er eine Lösung, und wenn das vorhandene „Portfolio“ keine praktikable Lösung enthalte, müsse man halt das Portfolio erweitern. Ob es denn „erst einen Toten“ brauche, damit sich etwas bewege … ?

Zwischen Bürgermeister und Experten entbrennt eine Diskussion.

Der Experte des Landes erklärt: „Irgendwas tun“ müsse man wohl, das sehe auch er so. Eine Lösung aus dem Hut zaubern könne er aber nicht. Er schlägt daher erst einmal vor, erneut den Verkehr zu messen, um „eine bessere Datengrundlage“ zu haben, und auf dieser Basis dann alternative Ideen zu erarbeiten.

Der Vorschlag des Experten wird angenommen, die Lösung auf die Zukunft vertagt.

Bis 2030 ist ja noch etwas Zeit.

Zum Lokalaugenschein etwa einen Kilometer vom Rathaus entfernt fahren natürlich alle mit dem Auto, eine Kolonne von fünf Fahrzeugen (davon zwei elektrisch). Begründung: Die eng befüllten Terminkalender ließen es nicht zu, das Rad zu nehmen. Der interessierte Bürger fährt trotzdem mit dem Fahrrad hin. Und ist als erster vor Ort.

In Niederösterreich gehen die Uhren halt anders. Zumindest in den Amtsstuben.

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Mit Magellan und Pigafetta (noch nicht) nach Reutlingen

Aktualisiert am 21. Juni 2021

ACHTUNG: LESUNG VERSCHOBEN!

Bild: Verlag C.H. Beck

Der gute Magellan wollte eigentlich im Herbst 1518 zu seiner Molukken-Fahrt aufbrechen. Tatsächlich in See gestochen ist er ein Jahr später, im September 1519. So war auch ich letzte Woche noch optimistisch, dass am 24. Juni eine seit langem geplante Lesung aus meinem Buch Magellan oder Die erste Umsegelung der Erde und aus Antonio Pigafettas Bericht über Die Erste Reise um die Welt in der VHS Reutlingen stattfinden würde. Doch nun mussten wir die Veranstaltung leider verschieben – im Verschieben sind wir inzwischen Routiniers – und zwar auf den 10. März 2022. Also bitte vormerken für nächstes Frühjahr!

Stefan Zweig in der Diskussion

Am 16. Juni habe ich im Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek mit Arnhilt Inguglia-Höfle, Bernhard Fetz und Arturo Larcati über den Autor Stefan Zweig und seine Welt diskutiert. Maria Happel hat Texte von Stefan Zweig vorgelesen. Ich fand es sehr anregend, mit ausgewiesenen Fachleuten über einen Schriftsteller zu sprechen, der bis heute mit seinen Werken – nicht zuletzt dem Roman Magellan – das Bild prägt, das sich viele Menschen von der Geschichte machen. Interessierte können die Diskussion hier oder auch hier nachverfolgen.

Quantitative Rezensionsmethoden?

Eines der wichtigsten deutschsprachigen Rezensionsjournale für die Geschichtswissenschaft, die „Sehepunkte“, hat meine Pigafetta-Neuübersetzung mit einer Besprechung gewürdigt. Das freut mich natürlich außerordentlich. Aber ich musste mich auch wundern, nach welchen Kriterien dort Bücher rezensiert werden. Um zu überprüfen, ob meine Übersetzung tatsächlich die erste vollständige (und originalgetreue) in deutscher Sprache sei, hat der Rezensent sich doch tatsächlich die Mühe gemacht, die Seitenzahlen der älteren Ausgaben von Pigafettas Text mit dem Umfang meiner Neuübersetzung zu vergleichen! Und nachdem er festgestellt hat, dass jene mehr Seiten haben, „erscheint es“ ihm „unwahrscheinlich, dass die beiden letzteren größere Teile der Originaltexte ausgelassen haben“. Na denn! So ganz dürfte der Rezensent seinen quantitativen Methoden allerdings selbst nicht trauen, denn er räumt ein: „Es kann durchaus sein, dass Jostmanns Übersetzung textgetreuer ist.“

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Hitler, Magellan und Stefan Zweig

Veröffentlicht am 21. Mai 2021
Weltverbrecher
Bild: Styiabooks

Diese Woche ist in der österreichischen Wochenzeitung „Die Furche“ meine Rezension von Roman Sandgrubers Buch „Hitlers Vater. Wie der Sohn zum Diktator wurde“ zu lesen: vordergründig eine Biografie des Zollamt-Oberoffizials Alois Hitler geb. Schicklgruber, de facto jedoch eine sachkundige Sozialgeschichte Oberösterreichs an der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert, die mit einigen Mythen um Herkunft und Kindheit des späteren Reichskanzlers und „Führers“ aufräumt.

Welterkunder
Bild: Wikimedia Commons

Aus Anlass von Ferdinand Magellans 500. Todestag am 27. April 2021 hat Andrea Lueg über den „Pionier der Globalisierung“ ein höchst hörenswertes Radiofeature produziert, zu dem ich ein Interview beisteuern durfte. Es wurde auf SWR2 ausgestrahlt und kann hier nachgehört werden.

Weltautor

Am 16. Juni diskutiere ich im Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek mit Bernhard Fetz und Arturo Larcati über Stefan Zweig und seinen „Magellan“. Der 1938 erschienene Roman ist nicht nur eines der weltweit meistgelesenen Bücher über den portugiesischen Seefahrer, sondern auch voll von rassistischen Stereotypen. Die Diskussion wird per Live-Stream im Internet übertragen.

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Wunder für die Augen: Islamische Weltkarten

Veröffentlicht am 26. April 2021

Es soll noch heute Menschen geben, die glauben oder behaupten, die Erde sei eine flache Scheibe – eine Vorstellung, die fälschlicherweise oft pauschal dem Mittelalter in die Holzpantinen geschoben wird. In Wahrheit geriet die antike Theorie einer sphärenförmigen Erde nie in Vergessenheit. Spätestens seit dem 13. Jahrhundert war sie in Europa allgemeines Bildungsgut, zumindest in Kreisen, die sich für solche Dinge interessierten, das heißt vor allem unter Theologen und Seefahrern.

Weltkarte des Juan de la Cosa (1500)
Bild: Kimon Berlin, user:Gribeco, via Wikimedia Commons

Eine andere Frage war allerdings, wie man sich die Erdoberfläche im ganzen vorzustellen hatte, wie Land und Wasser auf ihr verteilt waren. Sich davon ein Bild zu machen, war naturgemäß schwierig in einer Welt, in der es keine Fluggeräte, geschweige denn Erdbeobachtungssatelliten gab und Reisende an Land im Schnitt 30 bis 40, zur See günstigenfalls 150 Kilometer pro Tag zurücklegten. Deshalb staune ich immer wieder darüber, wie sich seit dem späten Mittelalter auf Landkarten ein neues Bild der Erde abzeichnet, auf dem Strich für Strich die Kontinente Konturen gewinnen – Konturen von atemberaubender Gegenständlichkeit, obwohl den Zeichnern ihr Objekt niemals vor Augen stand. Welchen geistigen Kraftakts, welcher Imaginationskraft es dafür bedurfte, ist für die meisten von uns heute kaum zu ermessen.

Die allmähliche Verfertigung eines neuen Weltbilds beim Zeichnen ist keine rein europäische Geschichte. Welchen Beitrag muslimische Gelehrte dazu geleistet haben, ist seit langem bekannt. Muslime wirkten nicht nur als Vermittler geographischen und mathematischen Wissens, sondern ragten auch als Kartografen hervor. So sind wohl allen, die sich für die Geschichte der Kartografie interessieren, die Weltkarten des al-Idrīsī (1154) und des Pīrī Re’īs (1513, Fragment) ein Begriff. Man findet sie zuhauf in Büchern und im Internet abgebildet.

Doch die Karten von al-Idrīsī und Pīrī Re’īs sind prominente Einzelstücke. Sie sind Teil einer reichen Tradition, hervorgebracht von muslimischen Kartenzeichnern des Mittelalters, deren Namen und Werke hierzulande nur den wenigsten bekannt sein dürften. Dass es jedoch lohnt, dieser Tradition Augenmerk zu schenken, beweist der Band „Islamische Karten“ des Londoner Historikers Yossef Rapoport. So wie andere Forscher*innen heute sieht auch Rapoport in den Werken muslimischer Kartenzeichner nicht mehr bloße Zwischenschritte auf dem Weg hin zum modernen Weltbild, sondern einzigartige Schöpfungen des menschlichen Geistes, die ein Studium um ihrer selbst willen verdienen.

Liniennetzplan von Ost-Berlin (1984)
Bild: Wikimedia Commons

Ist der Maßstab für die Qualität einer modernen Karte ihre Gegenständlichkeit, das heißt, wie akkurat, wirklichkeits- und detailgetreu sie die Erdoberfläche darstellt, so verfolgten muslimische Kartografen andere Absichten. Ihnen ging es darum – in Rapoports Worten –, „ein kompliziertes Material zu ordnen“ und damit das Gedächtnis zu entlasten. Die Methode, die sie dafür wählten, war die schematische Darstellung, die geometrische Vereinfachung, die radikale Abstraktion. Ihre Karten waren nicht Ausdruck gelehrter oder theologischer Spekulation, sondern praktisch zu gebrauchende Werkzeuge, die Fernhändlern und Pilgern geholfen haben mögen, ihre Reiserouten zu planen. Man kann sie mit heutigen U-Bahn-Plänen vergleichen, die ein Verkehrsnetz geometrisch stark vereinfacht abbilden und gerade so dem Fahrgast die Orientierung ermöglichen.

Betrachtet man unter diesem Gesichtspunkt die Weltkarte, die 1272 nach einem Entwurf des Geografen Abū Isḥāq al-Iṣṭakhrī gezeichnet wurde, dann muss man die Eleganz und Kühnheit dieses Entwurfs würdigen. Über al-Iṣṭakhrī weiß man nur, dass er wohl aus dem Iran stammte, in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts tätig war und einen geographischen Traktat mit Karten hinterließ, der ein eigenes literatisches Genre begründen sollte: das „Buch der Wege und Reiche“ (Kitāb al-masālik wa’l-mamālik). Seine zwanzig Regionalkarten ergeben laut Rapoport „einen regelrechten Atlas des Islam“. Die Weltkarte, die al-Iṣṭakhrī dazu zeichnete, sollte den Lesern seines Buchs helfen, die einzelnen Regionen auf der Erde und in ihrem Verhältnis zueinander zu verorten.

Bild: Bodleian Library Oxford / wbg Darmstadt

Süden mit Afrika liegt oben, durchschnitten vom schnurgeraden Nil und von Asien (links unten) durch den Indischen Ozean getrennt. Die Arabische Halbinsel fungiert als Verbindung, während Europa klein und schematisch als dreieckige Insel dargestellt ist, durch das Schwarze und das Mittelmeer vom Rest der Welt separiert. Die drei roten Kreise im Mittelmeer sind die Inseln Zypern, Kreta und Sizilien. Die gesamte alte Welt erscheint eingebettet in das „Umzingelnde Meer“ (Baḥr al-Muḥīṭ), von dem al-Iṣṭakhrī „wie alle mittelalterlichen Gelehrten vor Kolumbus“ (Rapoport) annahm, dass es auch die Rückseite der Erdkugel bedeckte.

[Die kreisförmige Darstellungsform, die typisch ist für vormoderne Weltkarten, kam jüngst übrigens wieder zu Ehren als realistischste mögliche Darstellung einer sphärischen Oberfläche auf einer zweidimensionalen Karte. Nicht nur deswegen mutet ihr Design erfrischend aktuell an.]

Bild: Bodleian Library Oxford / wbg Darmstadt

Ein Beispiel für die Regionalkarten in al-Iṣṭakhrīs „Buch der Wege und Reiche“ ist die des muslimischen Spanien und Nordafrikas. Hier ist Westen oben, also der Atlantik. Spanien ist als Halbkreis dargestellt, von den christlichen Reichen im Norden durch eine Linie abgetrennt. Sie liegen außerhalb der Karte. Achteckig in der Mitte des Halbkreises sitzt die Metropole Córdoba, von der aus Straßen in die verschiedenen Richtungen gehen. Entlang der Küsten sind weitere Städte aufgereiht, im Hinterland Nordafrikas (links) verläuft eine Straße, und ganz am linken Rand, also im Süden, ist purpurn der Sand der Sahara eingezeichnet. Der rote Kreis unten im grünen Mittelmeer ist Sizilien, der lila Berg darüber steht für den Felsen von Gibraltar. Wie gesagt: Der Zeichner wollte kein wirklichkeitsgetreues Abbild des westlichen Mittelmeeres schaffen, sondern ein Netz aus Verbindungen zwischen von Muslimen bewohnten Orten visualisieren. Und seine Karte war in erster Linie für Reisende an Land gedacht, nicht für Seefahrer.

Auf die Spitze getrieben wird die Abstraktion im „Buch der Merkwürdigkeiten der Wissenschaften und der Wunder für die Augen“ (Kitab al-gharāʾib al-funūn wa-mulaḥ al-ʿuyūn), das ein anonymer Autor irgendwann vor 1058 für die Herrscher der Fatimiden-Dynastie verfasste. Es wurde im Jahr 2000 bei einer Auktion in London wiederentdeckt und ist heute im Besitz der Bodleian Library in Oxford. Die Fatimiden beherrschten von Kairo aus weite Teile Nordafrikas, die Levante und Sizilien. Ihr Reich war zum Meer ausgerichtet und gründete sich auf Seemacht, was sich auch im „Buch der Merkwürdigkeiten“ widerspiegelt.

Darin findet sich etwa eine Karte, auf der das Mittelmeer als langgestrecktes Oval konzipiert ist. Der tatsächliche Küstenverlauf ist nicht einmal angedeutet. Entlang der Küste sind punktförmig 121 Häfen und Reeden aufgereiht. Im Meer liegen regelmäßig angeordnet 118 Inseln, die meisten schlicht als Kreise; nur Zypern und Sizilien bilden Rechtecke. Eine Detailkarte von Zypern ist ebenfalls vollkommen rechteckig. Wie Rapoport erklärt, enthalten diese extrem schematischen Karten in ihren Begleittexten dennoch eine Menge an Information, die für die Navigation von Belang war – „mehr als jede andere Karte, die wir vor der Zeit der Kreuzzüge kennen“.

Bild: Bodleian Library Oxford / wbg Darmstadt

Das „Buch der Merkwürdigkeiten“ birgt auch eine Weltkarte, die erste überhaupt in der Menschheits-Geschichte, die mit einem Maßstab versehen ist. Man sieht ihn oben rechts. Die Karte ist rechteckig und stellt nur den Teil der Welt dar, von dem der Autor wusste, dass er bewohnt war. Sonst ist die Anordnung dieselbe wie auf al-Iṣṭakhrīs Weltkarte: Süden ist oben, Europa unten rechts, Asien links. Der braune Halbkreis oben in der Mitte sind die legendären Mondberge, in denen schon Ptolemäus die Quellen des Nils verortet hatte. Wieder stehen rote Punkte für Häfen und Städte. Dazwischen sehen wir Flüsse, Gebirge und links unten eine Mauer: Hinter ihr sollen der Beschriftung zufolge die Völker Gog und Magog eingesperrt sein, die auch der christlichen Apokalyptik bekannt waren und von denen man annahm, dass sie am Ende der Zeiten über die Welt herfallen würden.

„Islamische Karten“ von Yossef Rapoport öffnet den Blick für eine fremde und ferne, zugleich seltsam vertraute Welt. Es ist ein in jeder Hinsicht illustratives Buch: großzügig bebildert, anschaulich geschrieben, und bietet eine gut lesbare, längst überfällige Einführung in die faszinierende Geschichte der islamischen Kartografie.

Zu guter Letzt ein Disclaimer: Rapoports Buch ist im selben Verlag erschienen wie meine Pigafetta-Neuübersetzung. Ich habe vom Verlag kein Rezensionsexemplar erhalten, sondern das Buch selbst käuflich erworben. Da ich von der Lektüre angetan war, stelle ich es auf meiner privaten Internet-Seite vor. Die Bilder hat mir die wbg auf Anfrage freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

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Frosch oder Vogel?

Veröffentlicht am 19. April 2021

Die gute alte Landkarte ist aus der Mode gekommen. Ich kenne etliche Leute, die auch auf längeren Wanderungen keine mehr in den Rucksack packen. Sie verlassen sich blind auf ihr Smartphone. Den Blick konzentriert aufs Display gerichtet marschieren sie zielstrebig und von Zweifeln unangefochten über Stock und Stein.

Doch selbst wenn ich ein Smartphone besäße, ohne gescheite Landkarte ginge ich ungern ins Gelände – es sei denn, ich kennte die Gegend wie meine Westentasche. Dass man gedruckte Karten bei Tageslicht ohne elektrischen Strom lesen kann, ist noch ihr geringster (wenn auch keineswegs gering zu schätzender) Vorzug. Weit höher achte ich, dass eine Karte dem Geist Flügel verleiht. Sie verwandelt mich von einem Frosch in einen Vogel. In der Theorie kann ein Smartphone zwar dasselbe. Aber weil sein Display so klein ist, macht es uns praktisch zu ferngesteuerten Fröschen.

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Zeichen der Zeit

Veröffentlicht am 20. März 2021

Dieses Foto wurde heute vormittag ca. 25 Kilometer nördlich von Wien aufgenommen, knapp vor dem astronomischen Frühlingsanfang um 10:37 Uhr MEZ:

Was es sonst noch Neues gibt?

Meine Neu-Übersetzung von Antonio Pigafettas  Weltreisebericht, die seit Weihnachten vergriffen bzw. nur als „Book on Demand“ erhältlich war, ist endlich wieder lieferbar. Für alle, die es noch nicht wissen: Es ist die erste vollständige, orignalgetreue und farbig illustrierte deutsche Übersetzung dieses überaus lesenswerten Buches aus dem Jahr 1524.

Und am Dienstag, den 16. März 2021, jährte sich zum 500. Mal der Tag, an dem europäische Seefahrer erstmals der heutigen Philippinen ansichtig wurden.  Daniela Wakonigg hat aus dem Anlass für den WDR ein so stimmungsvolles wie nachdenklich stimmendes „Zeitzeichen“ produziert, zu dem ich ein Interview beisteuern durfte: hier nachzuhören.

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Dieses Spiel geht nur zu zweit

Veröffentlicht am 8. März 2021

Heute ist der Tag, an dem eine gewisse sprachliche Unterscheidung große Beachtung findet: die von „Frau“ und „Mann“. Sie wird im Diskurs, jedenfalls seit dem 19. Jahrhundert, vielfach als sozialer Antagonismus verhandelt, der sich mit einem Modell der Spieltheorie als Kampf der Geschlechter oder auch, unter Rückgriff auf Hegel, als Dialektik von Magd und Herr beschreiben lässt. Beides hat viel für sich, aber heute will ich einen anderen Zugang zu diesem Thema wählen.

Nach einer Denkfigur von Niklas Luhmann (die Luhmann wiederum dem Logiker George Spencer Brown abgeschaut hat) kann jegliche Unterscheidung in einem zweiten Schritt auf die eine Seite des Unterschiedenen angewendet werden. Luhmann nennt diese Operation (wiederum mit George Spencer Brown) „re-entry“. Im Fall der Unterscheidung „Frau/Mann“ hieße das, dass die als Frau oder Mann markierten Personen ihrerseits im Hinblick auf ihre weiblichen oder männlichen Seiten unterschieden werden können. Mit anderen Worten, eine Beobachterin kann eine Frau als ausgesprochen feminin oder im Gegenteil als maskulin beschreiben und ebenso einen Mann als effeminiert oder eben viril.

Betrachte ich den aktuellen Diskurs um die Rollen von Frau und Mann unter der Figur des „re-entry“, nehme ich vorherrschend eine (oft unausgesprochene) normative Präferenz für die männliche Seite der Unterscheidung wahr. Wer die Gleichstellung der Frau fordert, meint in der Regel den Zugang von Frauen zu sozialen Rollen, die bis vor wenigen Generationen Männern vorbehalten waren: Rollen, die vor allem der sogenannten Arbeitswelt zuzordnen sind, und innerhalb dieser insbesondere Führungsrollen. Frauen, so wird implizit angenommen, wollen und sollen wie Männer Karriere machen und deren Rollen besetzen. Sie sollen mit Männern – und anderen Frauen – um Erfolg, Prestige, Einfluss, Geld, kurzum sozialen Status konkurrieren.

So sehr ich (im Rahmen meiner bescheidenen Möglichkeiten) die Forderung nach Gleichstellung unterstütze, so einseitig finde ich sie. Zugespitzt formuliert läuft der Diskurs darauf hinaus, dass Frauen möglichst wie Männer werden sollen und dass die Gesellschaft ihnen diese Möglichkeit einzuräumen habe. Traditionell weiblich definierte Rollen wie insbesondere das Aufziehen von Kindern und, damit räumlich verbunden, die Sorge für den Haushalt erscheinen dabei vorwiegend als lästiges Hindernis für die beruflichen Karrieren von Frauen, das ausgeräumt werden muss.

Bild: AnonMoos, toa267, Public domain, via Wikimedia Commons

Gelingen soll das a) durch technische Errungenschaften, die die Hausarbeit (oft nur scheinbar) erleichtern (und de facto oft vermehren, weil sie Perfektionsansprüche fördern), b) durch die Auslagerung häuslicher Arbeit, sofern möglich, an sozial schwächere Menschen (also in den meisten Fällen wieder an Frauen), oder c) indem die männlichen Partner einen größeren Anteil an besagter Arbeit übernehmen. Männer, die nicht imstande sind, ihre Frauen durch Methode a) oder b) zu entlasten und daher selbst Hausarbeit und Kinderbetreuung leisten müssen, erleiden nach der Spieltheorie einen Verlust, weil sie ein gesellschaftlich höher bewertetes, „männliches“ Gut – beruflichen Erfolg – gegen ein geringerwertiges, „weibliches“ eintauschen müssen.

Als unsere Tochter auf die Welt kam, hatte auch ich das skizzierte Werteschema im Kopf, und als liberaler und fortschrittlicher Mann, der ich mich dünkte, war ich bereit, meinen Beitrag zu leisten, damit meine hochintelligente, gut ausgebildete Frau möglichst rasch nach der Geburt in ihren Beruf zurückkehren konnte. Meine Frau und ich waren uns daher einig, die Betreuung unserer Tochter während der ersten Lebensjahre so aufzuteilen, dass in Summe jede von uns in etwa die Hälfte übernehmen würde. Im Großen und Ganzen, denke ich, ist die Rechnung für uns beide aufgegangen, auch seitdem einige Jahre später ein Sohn dazugekommen ist. Was sich jedoch im Lauf der Zeit geändert hat, ist unsere Motivation.

Ging es vor allem mir anfangs darum, meiner Frau den Rücken für ihre berufliche Selbstverwirklichung freizuhalten, so empfinde ich es heute als Glück für mich, dass ich so viel Verantwortung für die Kinder übernehmen, so viel Zeit mit ihnen verbringen durfte und – in altersbedingt abnehmendem Umfang – noch darf. Meine Kinder haben mich gelehrt, die Welt mit anderen Augen zu sehen, und sie haben mir selbst quasi eine zweite Kindheit ermöglicht, ein emotionales Abenteuer, das meine Persönlichkeit verändert hat in einer Weise, die ich als Befreiung und Bereicherung erlebe. Sie ließe sich mit Luhmann und George Spencer Brown als „re-entry“ des Weiblichen in mein männlich sozialisiertes Ego beschreiben.

Aus dieser Erfahrung heraus bemängele ich, dass im Diskurs um die Befreiung der Frau die männliche Seite der Unterscheidung dominiert. Frauen sollen noch immer frei werden von Kindern und Haushalt und für die Männerwelt bezahlter Arbeit, auf dass sie in ihr Karriere machen und viel Geld verdienen, Männer wiederum ihre Plätze freimachen und lernen, sich mit einem geringeren gesellschaftlichen Status zu bescheiden, wie er weiblichen Rollen zugemessen wird. Die Gleichstellung der Frau erscheint so als Nullsummenspiel. Dabei geht es für uns Männer gar nicht darum, etwas zu verlieren, sondern zu gewinnen. Daran möchte ich am Weltfrauentag erinnern.

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Skifoan!

Veröffentlicht am 22. Februar 2021

Wer Anfang der siebziger Jahre in Norddeutschland zur Welt kam, dem wurden die Ski nicht in die Wiege gelegt, schon gar nicht in der Gesellschaftsschicht, in die ich geboren wurde. Die Alpen waren weit weg, und Winterurlaub war teuer. Unbelastet von eigenen Erfahrungen mit dieser Sportart konnte ich mir also in aller Ruhe eine Meinung über sie bilden, welche lautete: Skifahren ist nichts für mich! Ich stellte mir darunter so etwas wie Eislaufen vor, nur viel grauslicher, weil man beim Skifahren nicht bloß auf wackligen Sohlen unwillkürlich in irgendeine Richtung schlitterte und dann hinfiel, sondern das ganze auch noch bergab.

Dann kam der Tag, da ich in eine österreichische Familie einheiratete und die Eltern meiner Frau uns in den Skiurlaub einluden. Die Einladung auszuschlagen, wäre unhöflich gewesen. Und obwohl ich fand, mit über dreißig viel zu alt zu sein, erklärte ich mich bereit, einen Tag mit meiner Schwiegermutter – die als Lehrerin etliche Schulskikurse begleitet hatte – auf den „Deppenhügel“ zu gehen, um mich in den Grundlagen des alpinen Skilaufs unterweisen zu lassen. Insgeheim gedachte ich im Laufe des Tages meine Untauglichkeit zu diesem Sport so gründlich unter Beweis zu stellen, dass nie wieder jemand auf die Idee käme, mich dazu ermuntern zu wollen.

Was gute Pädagogik doch bewirken kann …

Am nächsten Nachmittag fuhr ich bereits, wenn auch hauptsächlich zur Belustigung – oder Verärgerung – der übrigen Skifahrer, meine erste „rote“ Piste hinab, und aus dem Urlaub heimgekehrt war das erste, was ich tat, beim Alpenverein einen „Tiefschnee-Schnupperkurs“ zu buchen. Der Kurs trug seinen Namen völlig zu Recht – jedenfalls was mich betraf, denn die meiste Zeit lag ich mit der Nase im Schnee. Meiner Begeisterung tat das keinen Abbruch. Sie hält bis heute an, obwohl ich den Rummel der großen Skigebiete schon lange leid bin, ebenso wie die bretthart präparierten Kunstschnee-Pisten und die horrenden Preise, die man für eine Liftkarte zahlt. Aber eine gemächliche Skitour durch die stille Landschaft, ein paar beherzte Schwünge durch Pulver oder Firn – was gäbe es Schöneres zur Winterzeit!

Auf die Piste gehen wir auch noch ab und an, hauptsächlich der Kinder wegen, damit sie an die frische Luft kommen und sich bewegen, was uns in diesem Winter noch dringlicher erscheint als sonst, wo doch alle Sportvereine, alle Schwimmbäder und Turnhallen stillgelegt sind. Von den skandalösen Zuständen, über die in den Medien berichtet wurde, haben wir in den Skigebieten im Osten Österreichs allerdings nichts bemerkt. Auch wenn zum Teil einiges los war: Die Liftbetreiber hatten Regeln für einen sicheren Betrieb festgelegt und sorgten, sofern nötig, für deren Einhaltung. Die allermeisten Leute hielten eh Abstand und trugen Masken. Statt einer heißen „Supp‘n“ zu Mittag und beschallter Hüttengaudi gab es geschmierte Brote und Tee aus der Thermoskanne am Parkplatz. Und dann hieß es wieder „nix wie aufi“!

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Hauptsache gesund

Aktualisiert am 22. Februar 2021

Es ist eine Weile her, da las ich in der Zeitung ein Interview mit dem vormaligen Chef einer der größten österreichischen Banken. Nach Jahrzehnten verantwortungsvoller Tätigkeit an der Spitze seines Instituts war der Mann kürzlich in Pension gegangen und wollte sich nun dem Aufbau einer Stiftung widmen, die den löblichen Zweck hat, das allgemeine Niveau finanzieller und kaufmännischer Bildung zu heben. Diese lasse nicht nur in Österreich zu wünschen übrig, klagte der Interviewte und setzte hinzu: „Denn finanzielle Gesundheit“ sei „nach der physischen Gesundheit das Zweitwichtigste.“

So ist das also, dachte ich mir damals: Wenn einer nicht alle Tassen im Schrank hat, ist das anscheinend halb so wild, solange nur seine Leber gesund und sein Bankkonto gut gefüllt ist. Geistige oder psychische Gesundheit, um von seelischer gar nicht zu reden, schien für diesen Herrn kein nennenswertes Gut zu sein. Und ich fragte mich, ob sein Denken repräsentativ sei für Menschen seines Schlages, die als Führer der größten Firmen des Landes maßgeblichen Einfluss auf den Kurs der österreichischen Wirtschaft, ja der Gesellschaft insgesamt ausüben.

Heute neige ich dazu, diese Frage zu bejahen. Schaue ich mir nämlich an, nach welchen Prioritäten hierzulande, aber auch anderswo der Kampf gegen das Coronavirus geführt wird, so habe ich den Eindruck, dass es in diesem Kampf nur darum geht, das physische Überleben der Bevölkerung zu sichern und die Wirtschaft irgendwie am Laufen zu halten. Dafür stehen scheinbar unbegrenzte finanzielle Mittel zur Verfügung. Bildung, Kultur, überhaupt alles, was sonst Menschen geistig und psychisch stärkt, spielt dagegen so gut wie keine Rolle. Schulen werden zu- und Heranwachsende monatelang zu Hause eingesperrt, ohne Rücksicht auf die langfristigen Folgen. Sportvereine lahmgelegt. Kinos, Theater, Bibliotheken, Museen und Konzertsäle verschlossen. Familien voneinander getrennt, Alte abgesondert und Sterbende allein gelassen.

Nein, auch ich habe keine Patentlösung parat. Aber je mehr die „Krise“ zum Normalzustand wird, desto deutlicher erkenne ich, was in unserer Gesellschaft wirklich von Belang ist. Kinder, ihre Zukunft, Bildung, Kultur und überhaupt das innere Glück der Menschen zählen offensichtlich nicht dazu. Es offenbart sich das Menschenbild einer Politik, die die Stimmungen der breiten Masse und die Interessen einer kleinen Minderheit bedient.

Siehe auch

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Pigafetta im Radio

Veröffentlicht am 12. Januar 2021

Thomas Haunschmid hat für den österreichischen Kultursender Ö1 eine Besprechung meiner Neuübersetzung von Antonio Pigafettas Weltreisebericht produziert:

Furchtsame Weltumsegler

Bereits im Dezember ist eine Besprechung von Frank Kaspar im Deutschlandfunk gesendet worden, die ich ebenfalls sehr gelungen finde:

Augenzeuge der Kolonisierung

Da die erste Auflage des Buches schon ausverkauft ist, kann man es zur Zeit nur als Book on Demand oder eBook erwerben. Wie mir jedoch versichert wurde, ist eine Neuauflage in Vorbereitung.

Die erste Reise um die Welt. An Bord mit Magellan

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Maßloses Wünschen

Veröffentlicht am 22. Dezember 2020

Wir können den Kindern nicht alle Wünsche erfüllen, auch nicht zu Weihnachten. Sie werden heuer wieder keinen Hund bekommen, obwohl ein Vierbeiner ganz oben auf beider Wunschzettel stand. Auch ein anderer Wunsch wird leider nicht in Erfüllung gehen: weiße Weihnachten. Aber das ist ja nichts Neues. Außerdem haben unsere Kinder das Alter magischen Denkens und des Glaubens an die grenzenlose Macht der Eltern längst hinter sich gelassen. Neu ist allerdings, dass ein weiterer Herzenswunsch, der sonst zum Jahreswechsel wahr zu werden pflegt, diesmal unerfüllt bleiben muss: die Großeltern und Cousins im fernen Deutschland wiederzusehen. Das heißt, Sehen wäre ja nicht das Problem, dank Zoom, Skype & Co. Aber wie die Tochter sagt: Das ist nicht dasselbe. Sie hat recht, finde ich.

Es folgt ein Bekenntnis:

Ich bin kein Corona-Leugner. Ich trage keinen Aluhut und fürchte nicht, dass ein philantropischer Milliardär aus Seattle uns alle zwangsimpfen will. Ich halte es für sinnvoll und ethisch richtig, dass eine Gesellschaft koordinierte Anstrengungen unternimmt, um eine Infektionskrankheit einzudämmen, die das Leben und die Gesundheit vieler Menschen bedroht. Auch wenn wir uns um unsertwillen nicht vor dem Coronavirus fürchten, tragen meine Frau, unsere Kinder und ich bisher alle verordneten Maßnahmen klaglos mit. Wir tragen also in der Öffentlichkeit MNS-Masken, halten Abstand zu anderen Menschen, bleiben die meiste Zeit zuhause, empfangen keinen Besuch mehr, organisieren, wenn die Schulen wieder mal zusperren, den Heimunterrricht, sind zum Massentest gegangen, achten noch mehr als sonst darauf, uns nicht zu verletzen, um ja keine Spitalskapazitäten zu binden, tun im Übrigen unsere Arbeit und geben fleißig Geld aus, damit die Wirtschaft nicht den Bach runtergeht.

Manche sagen, so ein Leben, wie wir es jetzt führen, sei kein Leben mehr. Das finde ich übertrieben. Reduktion, richtig verstanden, ist immer auch Gewinn, und solange es Bücher gibt und man, wie wir, nach draußen gehen kann, kann vom Ende des Lebens keine Rede sein. Aber auch an mir nagen zunehmend Zweifel, ob die im Wochentakt verordneten Maßnahmen noch in einem angemessenen Verhältnis zum Ausmaß der Gefahr stehen, dem wir als Gesellschaft – nicht als Individuen – ausgesetzt sind. Ich frage mich, ob unsere Ängste auf der einen Seite und auf der anderen der Wunsch, alle Gefahren und Fährnisse des Lebens kontrollieren oder gar ausschließen zu können, nicht eine unheilige Allianz eingegangen sind. Als ich neulich jemandem erzählte, meine Frau und ich seien mit zwei anderen Menschen, die nicht in unserem Haushalt leben, im Wald spazieren gewesen, wurde ich ernsthaft gefragt, ob wir das denn „verantworten“ könnten …

In der Weihnachtsgeschichte kommt dieser Satz vor, den der Engel zu den Hirten spricht: Fürchtet euch nicht! Das ist leicht gesagt, vor allem, wenn man ein Engel ist. Dennoch weckt der Satz einen Wunsch in mir, von dem ich allerdings nicht weiß, wer ihn mir erfüllen kann. Ich wünsche mir, dass wir alle uns im neuen Jahr weniger von unseren Ängsten regieren lassen.

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Weiße Götter, braune Naturkinder

Kritische Anmerkungen zu Stefan Zweigs biografischem Roman Magellan. Der Mann und seine Tat

Veröffentlicht am 26. November 2020

Als ich dem Verlag C.H. Beck im Frühjahr 2016 vorschlug, ein Buch über Magellan und die erste historisch bezeugte Weltumrundung zu machen, ahnte ich nicht, dass mich der Mann und die Taten, die ihm nachgesagt werden, fast fünf Jahre später noch beschäftigen würden. Das Buch, das pünktlich zum 500. Jahrestag von Magellans Aufbruch Richtung Ostasien 2019 herauskam, ist inzwischen in dritter Auflage erhältlich und in seinem Kielwasser segelt seit vergangenem September ein weiteres: meine Neu-Übersetzung des Reiseberichts von Antonio Pigafetta, die erste vollständige und originalgetreue Übersetzung dieses höchst lesenswerten Textes in die deutsche Sprache. Anscheinend bewegen die Abenteuer frühneuzeitlicher Seefahrer auch die Menschen des 21. Jahrhunderts – und bewegen sie sogar dazu, Bücher zu verlegen und zu lesen!

Stefan Zweig
Bild: Brazilian National Archives, Public domain, via Wikimedia Commons

Aber welche Bücher? Im Zuge meiner Recherchen für das Magellan-Buch las ich natürlich auch Stefan Zweigs romanhafte Darstellung des Stoffes aus den 1930er Jahren, abermals nicht ahnend, dass auch dieser Mann und seine schriftstellerische Tat mich noch Jahre später geistig in Beschlag nehmen würden. Vor allem war mir nicht bewusst, wie sehr die literarische Figur Magellan, die Stefan Zweig erschaffen hat, bis heute das Bild prägt, das sich viele Menschen von der historischen Person machen, die dahinter steht: dem portugiesischen Ritter Fernão de Magalhães.

Nun ist die Unterscheidung von Literatur und Geschichte eine künstliche und unscharfe. Die Grenzen zwischen beiden Genres sind fließend. Das kann man sehr gut an Zweigs Magellan und der Rezeption seines Buchs studieren. Zweig hatte seinen Stoff gründlich recherchiert, und die äußere Handlung seiner Erzählung entspricht weitgehend dem, was zu seiner Zeit in der nicht-fiktiven Literatur – also in dem, was wir heute Sachbücher nennen – über Magellan und die erste Erdumsegelung nachzulesen war. In der Einleitung erklärte Zweig ausdrücklich, er habe Magellans Geschichte „nach allen erreichbaren Dokumenten möglichst der Wirklichkeit getreu“ dargestellt. Seine Leserinnen und Leser könnten daher auf die Idee kommen, ein literarisch geschriebenes Sachbuch („literary non-fiction“) in den Händen zu halten, das den Maßstäben historischer Kritik standhält und ein realistisches Bild der erzählten Zeit, der Welt des 16. Jahrhunderts, zeichnet. Doch das ist mitnichten der Fall.

Fiktives Portät Magellans vom Ende des 16. Jahrhunderts.
Bild: Crispijn van de Passe, Public domain, via Wikimedia Commons

Aus der Sicht historischer Wissenschaft, zumal des 21. Jahrhunderts, ist Zweigs Magellan ein durch und durch anachronistischer Text. Während die äußere Handlung im 16. Jahrhundert spielt und die meisten der geschilderten Ereignisse durch historische Quellen verbürgt sind, sind Zweigs Aussagen über die Psyche seines Helden und das, was man sein inneres Drama nennen kann, pure Fiktion. Dasselbe gilt für viele kausale Zuschreibungen, die der Autor vornimmt, das heißt seine Erklärungen, warum dies oder jenes geschehen sei. Für all diese Aussagen und Zuschreibungen fehlen nicht nur jegliche historischen Belege. Sondern sie sind auch höchst unwahrscheinlich – zumindest für jeden, der mit der Welt des 16. Jahrhunderts nur ein bisschen vertraut ist. Das innere Drama von Zweigs Magellan spielt mithin nicht im 16., sondern im 20. Jahrhundert. Es ist eine Erfindung des Autors. Man könnte auch sagen: Es ist das innere Drama des Stefan Zweig.

Dieser Befund wäre nicht langer Rede wert, wenn Zweigs Geschichtsklitterung nicht bis heute eine derartige Wirkung ausüben würde. Zweigs Magellan ist Wind auf die Mühlen all derer, die noch immer glauben, dass die Geschichte (jedenfalls bis zum Amtsantritt von Angela Merkel) von großen Männern gemacht wurde. Von großen weißen Männern, versteht sich.

Anachronistisch ist dieses Geschichtsbild deshalb, weil Magellan für einen Großteil der Taten, die Zweig ihm zuschreibt, keineswegs verantwortlich war – für andere, von denen Zweig ihn freispricht, hingegen sehr wohl. Magellan hatte, soweit wir wissen können, niemals die Absicht, die Erde zu umrunden oder gar zu „beweisen“, dass die Erde rund ist. Nicht einmal die Idee, im Süden Amerikas eine Durchfahrt nach Asien zu suchen, stammte von ihm selbst. Dieses Ziel verfolgten seine Auftrag- und Geldgeber in Kastilien, der königliche Rat und Bischof Juan Rodríguez de Fonseca und der Kaufmann Cristóbal de Haro, schon mehr als ein Jahrzehnt, bevor sie Magellan an Bord holten. Fonseca und Haro waren die Drahtzieher des Molukken-Unternehmens. Magellans Rolle lässt sich am ehesten als die eines „Geschäftsführers im Außendienst“ beschreiben.

Zweigs Romanfigur Magellan ist, auch dies ein Anachronismus, ein typischer sozialer Aufsteiger, wie ihn die bürgerliche Gesellschaft des 19. Jahrhunderts so verehrte: ein „unbekannter Soldat“, der aufgrund seiner außerordentlichen Talente eine atemberaubende Karriere macht. In Wirklichkeit gehörte Magellan qua Geburt einer hauchdünnen Schicht privilegierter Adliger an, und gewiss hat er niemals, wie Zweig sich zusammenfantasiert, eigenhändig ein Segel gerefft oder gar an einer Lenzpumpe geschwitzt. Dafür hatte man zu Magellans Zeit Schiffsjungen beziehungsweise Sklaven.

Die Flotte, die sich Magellan bei Stefan Zweig ganz allein aus eigener Kraft und nach eigener Idee erschuf, wurde in Wirklichkeit nach genauen Vorgaben Fonsecas von Beamten und Agenten der kastilischen Kolonialbürokratie auf Kiel gelegt, die in diesem Metier auf zwanzig Jahre Erfahrung zurückgreifen konnten. Auch die Tauschwaren, die die Flotte für den Handel mitführte, hat keineswegs Magellan aufgrund seiner vermeintlich langjährigen Erfahrung mit außereuropäischen „Naturkindern“ zusammengestellt, sondern wiederum Fonseca persönlich. Dafür war es Magellan, der in Patagonien aus eigener Initiative zwei großgewachsene Einheimische kidnappen ließ und zu diesem Zweck, wie Antonio Pigafetta in seinem Reisebericht bezeugt, eine schäbige List anwandte. Zweig fabuliert an dieser Stelle von einem angeblichen „Auftrag“ der spanischen Regierung, der nirgendwo dokumentiert ist, und schiebt die List den Matrosen in die Schuhe, die lediglich Magellans Befehle ausführten.

„Patagonier an der Schwelle ihrer Behausung“.
Bild: Arturo W. Boote. Photographe, Public domain, via Wikimedia Commons

Völlig anachronistisch ist schließlich auch Zweigs Darstellung der verschiedenen nicht-europäischen Gesellschaften, mit denen Magellan und seine Mannen im Lauf ihrer langen Fahrt zusammentrafen: die Tupi im heutigen Brasilien, die Vorfahren der Tehuelche im heutigen Patagonien, die Chamorros auf Guam, die Visayer auf den heutigen Philippinen und die Molukker. Für Zweig waren sie alle „Naturkinder“ und vor allem allesamt „braun“. Alle sind sie in seinem Roman ohne Unterschied kindliche, naive und zumeist gutmütige „Narren“, die zu den „weißen Göttern“ aus Europa ehrfurchts- und vertrauensvoll aufblicken.

Dass Europäer dieses Vertrauen allzu oft missbrauchten, beklagt der Humanist Zweig mit aufrichtigem Herzen. Seinen Helden Magellan will er von solcher Kritik freilich ausgenommen wissen (s.o.). Als Magellan auf den Visayas einige Dörfer mit Krieg überzog, um seinen Herrschaftsanspruch mit Gewalt zu untermauern, handelte er nach Zweig bloß aus einem „Gefühl der Pflicht“ heraus und weil er gegen einen „störrischen“ Häuptling „keine andere Wahl als das Argument der Waffe“ hatte. Bekanntlich verfügte sein Gegner, der Datu Lapulapu, über die stärkeren Argumente, und so fiel Magellan am 27. April 1521 im Kampf auf Mactan. Dass sein Held „durch ein lächerliches Menscheninsekt“, durch „einen braunen Lümmel, der keine ungeflickte Matte in seiner dreckigen Hütte“ hatte, „gefällt“ wurde, konnte Stefan Zweig offenbar nur schwer verwinden. An dieser Schlüsselstelle des Romans weicht die Attitüde wohlwollender Herablassung, die der Autor den „braunen Naturkindern“ gegenüber sonst an den Tag legt, unverhohlener Aggressivität.

Lapulapu erschlägt Magellan. Gemälde im Lapulapu Shrine, Mactan
Bild: Nmcast at English Wikipedia, lizensiert unter CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Die Menschen außereuropäischer Kulturen, mit denen Magellan auf seiner Fahrt zusammentraf, stellt Zweig durchwegs so dar, als stünden sie auf einer niedrigeren kulturellen und geistigen Entwicklungsstufe – so weit unten, dass ihre Kultur und Lebensformen gar nicht interessieren. Stattdessen werden sie unterschiedslos mit dem Klischee des unbedarft-gutmütigen Wilden belegt oder, wie „die Feuerländer“ im Vorbeifahren als „kulturell völlig niedere Rasse“ abgetan. Indem er den vermeintlichen Entwicklungsstufen menschlicher Gesellschaften eindeutige Hautfarben zuwies („braune Naturkinder“ – „weiße Götter“), benutzte Zweig einen rassistischen Code, der dem 16. Jahrhundert so fremd war, wie wir ihn heute unerträglich finden.

Das alles heißt natürlich keinesfalls, dass man Zweigs Magellan nicht mehr lesen oder das Buch gar auf irgendeinen Index setzen sollte. Aber wer es liest, sollte sich bewusst machen, dass er oder sie darin wenig über einen Seefahrer des frühen 16. Jahrhunderts erfährt, dafür umso mehr über die Fantasien eines österreichischen Großbürgers der 1930er Jahre, den die Selbstzerfleischung seiner eigenen Kultur ins Exil und in die Verzweiflung trieb.

Siehe auch:

Die fehlenden Strophen des Weltgedichts, erschienen am 24.10.2019 in Die Furche.

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Was 11.000 Jungfrauen mit einem Kap in Argentienien zu tun haben

Veröffentlicht am 20. Oktober 2020

Auch so ein Buch, das nur noch selten aufgeschlagen wird, ist der Heiligenkalender. Dabei findet man darin viele denkwürdige Geschichten. Zum 21. Oktober etwa die Legende von der Königstochter Ursula und ihren 11.000 Gefährtinnen, allesamt Jungfrauen, die auf der Heimreise von einem Papstbesuch per Schiff den Rhein hinabfuhren. Das soll um das Jahr 451 herum geschehen sein, zu der Zeit, als die Hunnen Europa in Angst und Schrecken versetzten. Bei Köln trieben Ursula und ihre Begleiterinnen den Hunnen geradewegs in die Arme. Die heidnischen Krieger machten die frommen Jungfrauen zu Märtyrerinnen, und weil Ursula dem Hunnenkönig einen Korb gab, tötete dieser sie eigenhändig.

Das Martyrium der Heiligen Ursula. Darstellung des 15. Jahrhunderts.
Bild: Joachim Schäfer, Ökumenisches Heiligenlexikon

Über den mutmaßlichen Gräbern der Märtyrerinnen entstand im Mittelalter eine Kirche, St. Ursula zu Köln, und ihr Kult verbreitete sich über ganz Europa. Auch die christlichen Seefahrer, die am Ende des Mittelalters von Spanien und Portugal zu neuen Ufern aufbrachen, verehrten die Heiligen Jungfrauen, vielleicht weil auch diese, als sie das Martyrium ereilte, per Schiff unterwegs gewesen waren. So benannte Columbus nach ihnen eine Inselgruppe in der Karibik, die er auf seiner zweiten Fahrt 1493 besuchte: die heutigen Jungferninseln. Und als Ferdinand Magellan auf seiner Suche nach einem Seeweg in den Pazifik am 21. Oktober 1520 an der Küste Amerikas bei 52° 20′ südlicher Breite eine Landspitze sichtete, eine sandige Klippe am Rand der südamerikanischen Steppe, nannte er sie „Kap der Elftausend Jungfrauen“. Heute liegt das Kap in der argentinischen Provinz Santa Cruz, unweit der Grenze zu Chile, und heißt etwas knapper „Cabo Vírgenes“, also Jungfernkap.

Leuchtturm auf dem Cabo Vírgenes, Argentinien.
Bild: Julio Viard – Colección privada, CC BY-SA 4.0

Als der fromme Katholik Magellan jenes Kap nach den legendären Elftausend Jungfrauen taufte, stiftete er, ohne es zu ahnen, einen neuen Gedenktag. Wenige Kilometer weiter südlich öffnet sich nämlich eine Bucht, und diese Bucht entpuppte sich als Einfahrt in die Meerenge, die zu suchen Magellan ein Jahr zuvor von Spanien ausgezogen war: die Wasserstraße, von der er hoffte, dass sie den Atlantischen mit dem Pazifischen Ozean verband und so einen westlichen Seeweg von Europa nach Asien eröffnete. Zwar benötigten Magellan und seine Gefährten mehr als fünf Wochen, um den westlichen Ausgang der gut 600 Kilometer langen Meerenge zu finden, denn wie man auf modernen Karten sieht, gleicht sie mehr einem Labyrinth aus Kanälen und Inseln als einer Straße. Aber der Tag, an dem die Seefahrer das Jungfernkap sichteten, ist in die Geschichte eingegangen als jener Tag, an dem die Meerenge, die heutige Magellanstraße, entdeckt wurde. Er liegt in diesem Jahr genau 500 Jahre zurück.

Der Weltreisende Antonio Pigafetta, der diesen historischen Moment miterlebt hat, schildert ihn in seinem Reisebericht wie folgt:

Kurz darauf, bei 52 Grad zum südlichen Pol, fanden wir durch ein riesengroßes Wunder am Tag der Elftausend Jungfrauen eine Meerenge, deren Landspitze wir Kap der Elftausend Jungfrauen nannten. Diese Meerenge ist hundertzehn Leugen lang, was 440 Meilen entspricht, und mehr oder weniger eine halbe Leuge breit. Sie führt in ein anderes Meer, Mar Pacifico genannt, und ist von sehr hohen, mit Schnee bedeckten Bergen umgeben. Wir konnten nirgends ihren Grund ausloten.

Wenn der Generalkapitän nicht gewesen wäre, hätten wir diese Meerenge nicht gefunden, denn wir alle meinten, dass sie ringsum geschlossen wäre. […] Der Kapitän schickte zwei Schiffe aus, Sancto Antonio und la Conceptione (so wurden sie genannt), um zu sehen, was sich am Ende der Bucht befand. Wir blieben mit den anderen beiden Schiffen – das Flaggschiff hieß Trinidade, das andere la Victoria – innerhalb der Bucht, um auf sie zu warten. In der Nacht überfiel uns ein starkes Unwetter, das bis zum anderen Mittag dauerte und uns zwang, den Anker zu lichten, sodass wir kreuz und quer durch die Bucht trieben.

Zeichnung der „Magellanstraße“ in Pigafettas Reisebericht. Süden ist oben.
Bild: Biblioteca Nacional de Chile

Die beiden ausgesandten Schiffe hatten starken Gegenwind. Sie wollten zu uns zurückkehren, waren jedoch nicht imstande, eine Landspitze fast am Ende der Bucht zu umrunden, und sahen sich schon genötigt, auf Grund zu laufen. Doch als sie sich dem Ende der Bucht näherten und bereits verloren wähnten, erblickten sie eine kleine Mündung, die keine Mündung zu sein schien, sondern eine Ecke. Wie Männer, die alle Hoffnung fahren gelassen haben, jagten sie hinein, sodass sie aus schierer Not heraus die Meerenge entdeckten.

Und als sie sahen, dass es keine Ecke war, sondern eine Meerenge im Land, fuhren sie voran und fanden eine Bucht. Danach fuhren sie noch weiter und fanden eine weitere Meerenge und eine weitere Brucht, beide größer als die vorherigen. Zutiefst beglückt wollten sie sogleich umkehren, um es dem Generalkapitän zu berichten.
Wir dachten derweil, sie seien zugrunde gegangen, zum einen wegen des heftigen Unwetters, zum anderen weil zwei Tage vergangen und sie nicht aufgetaucht waren. Auch wegen gewisser Rauchwolken, die zwei Abgesandte von ihnen an Land auftsteigen ließen, um uns zu benachrichtigen. Und wie wir so angespannt waren, sahen wir zwei Schiffe mit vollen Segeln und wehenden Fahnen auf uns zukommen. Als sie ganz nahe waren, feuerten sie plötzlich mehrere Bombarden ab, was wir mit Salutschüssen und Freudengeheul beantworteten. Daraufhin dankten wir Gott und der Jungfrau Maria und fuhren alle gemeinsam los, um weiterzusuchen.

Soweit der  Augenzeuge Antonio Pigafetta. Der zitierte Text ist meiner Neuübersetzung seines Reiseberichts entnommen, die kürzlich in der wbg Edition erschienen ist:

Bild: wbg

Erstmals vollständig übersetzt und kommentiert von Christian Jostmann. 2020. 272 S. mit 31 farb. Abb. und 1 Kt., 14,5 x 21,5 cm, geb. mit SU. u. Lesebändchen, wbg Edition, Darmstadt. 28 Euro (22,40 für Mitglieder der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft)

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An Bord mit Magellan

Aktualisiert am 21. Dezember 2020

Warum sollte man ein fast fünfhundert Jahre altes Buch, das bereits mehrfach ins Deutsche übertragen wurde, nochmals übersetzen?

Weil das Buch wichtig ist und weil es von ihm bisher keine gute deutsche Übersetzung gab.

Das Buch, das ich meine, ist Antonio Pigafettas „Bericht von der ersten Reise rund um den Globus“. Der wohlgeborene Ritter aus Vicenza hatte 1519 bis 1522 an der ersten historisch belegten Umsegelung der Erde teilgenommen. Anders als die meisten seiner Mitfahrer überlebte er die Reise, sodass er nach der Rückkehr einen Reisebericht schreiben konnte. Sein Bericht ist die detaillierteste und lebendigste Erzählung eines Augenzeugen dieser historischen Fahrt. Pigafetta schildert das entbehrungsreiche Leben an Bord, die Gefahren und Abenteuer, die er und seine Mitstreiter durchstanden, und nicht zuletzt erzählt er von seinen zahlreichen Begegnungen mit anderen Menschen.

Karte von Cebu und Mactan in Pigafettas Reisebericht.
Bild: Wikimedia Commons

Pigafetta begegnete vielen Menschen, die zuvor nie oder kaum Kontakt mit Europäern gehabt hatten: den Tupi im heutigen Brasilien, den Tehuelche Patagoniens, den Chamorros auf Guam, den Visayern auf den heutigen Philippinen, den Einwohnern Mindanaos, Borneos, der Molukken und Timors. Die Arten und Weisen, wie all diese Leute lebten, sprachen, sich kleideten und ernährten, wie sie musizierten, Krieg führten, Sex hatten und ihre Götter verehrten, waren für Pigafetta und seine europäischen Zeitgenossen unerhört neu und fremdartig. Pigafetta beobachtete aufmerksam, stellte Fragen, lernte fremde Sprachen und schrieb auf, was ihm bemerkenswert erschien. So wurde er zum Ethnologen avant la lettre, der uns eine Beschreibung der Erde und ihrer Kulturen in den ersten Tagen der Globalisierung überliefert hat. Eine Beschreibung, die uns auch helfen kann, unsere Gegenwart, die mehr denn je von derselben Globalisierung geprägt ist, besser zu verstehen.

Habent sua fata libelli: Auch Pigafettas Buch hatte ein wechselvolles Schicksal. Zunächst nur in einer gekürzten französischen Übersetzung gedruckt, dann ins Italienische rückübersetzt, wurde Pigafettas ursprünglicher Text erst um 1800 in einer Mailänder Bibliothek wiederentdeckt. Er ist in einem Dialekt verfasst, wie man ihn im 16. Jahrhundert in Vicenza sprach. Allerdings meinte der Wieder-Entdecker von Pigafettas Bericht, der Mailänder Bibliothekar Carlo Amoretti, dass man dem Publikum die eigentümliche, oft derbe Sprache des Autors nicht zumuten könne. Daher „übersetzte“ Amoretti den Bericht ins moderne Italienisch und glättete dabei so manche Passage, die er als anstößig oder unklar empfand.

Mittlerweile gibt es längst originalgetreue Ausgaben von Pigafettas Buch: in der Originalsprache, in französischer und in englischer Übersetzung, es gibt Faksimile- und kritische Editionen. Nur im Deutschen gab es bis dato nichts dergleichen. Die einzige bisher hierzulande auf dem Buchmarkt erhältliche Ausgabe bringt einen vielfach gekürzten, an anderen Stellen willkürlich erweiterten Text, ohne dass Kürzungen oder Erweiterungen kenntlich gemacht wären; die Übersetzung selbst ist mitunter freizügig bis zur Sinnentstellung. Beispiel gefällig? Folgende Passage aus Pigafettas Bericht wurde in der bisher erhältlichen Edition kommentarlos gestrichen:

Eines Tages kam ein schönes junges Mädchen auf das Flaggschiff, wo ich mich aufhielt, zu nichts anderem, als um ihr Glück zu versuchen. Wie sie so abwartend dastand, warf sie einen Blick auf die Kajüte des Meisters und sah einen Nagel länger als einen Finger, den sie mit großer Vornehmheit und Anmut an sich nahm. Sie steckte ihn zwischen die Lippen ihrer Natur und verschwand heimlich, still und leise. Das sahen der Generalkapitän und ich.

Zeichnung der Insel Timor in Pigafettas Reisebericht.
Bild: Wikimedia Commons.

Weil ich fand, dass auch Leserinnen und Leser des Deutschen dieses wichtige und obendrein sehr unterhaltsame Buch in möglichst authentischer Form lesen können sollten, habe ich es direkt aus der Originalsprache, dem Venetischen des 16. Jahrhunderts, neu übersetzt. Und damit alle den Text einordnen und verstehen können, habe ich eine historische Einleitung und einen Fußnoten-Kommentar hinzugefügt, in dem alle fremdartigen Namen und Begriffe erklärt werden. Ganz besonders freut mich, dass die Neuausgabe auch die 23 farbigen Miniaturen enthält, die Pigafetta selbst seinem Werk beigegeben hatte und die bisher in keiner deutschen Ausgabe abgedruckt wurden.

Ich danke dem Deutschen Übersetzerfonds für ein großzügiges Arbeitsstipendium und dem Verlag wbg Edition für die schöne und hochwertige Ausgabe. Dank ihr kann man nun den „echten“ Pigafetta auch auf Deutsch lesen. Viel Spaß bei der Lektüre und – buon viaggio!

Bild: wbg

Erstmals vollständig übersetzt und kommentiert von Christian Jostmann. 2020. 272 S. mit 31 farb. Abb. und 1 Kt., 14,5 x 21,5 cm, geb. mit SU. u. Lesebändchen, wbg Edition, Darmstadt. 28 Euro (22,40 für Mitglieder der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft).

Jostmanns Ziel war es, Pigafettas Bericht »in authentischer und zugleich lesbarer Form einem größeren Publikum auf Deutsch zugänglich zu machen«. Das ist ihm mit diesem Buch rundum gelungen.“ (Gerhard Schmitz in Spektrum der Wissenschaft)

Pigafettas Bericht ist eine Kostbarkeit der Weltreiseliteratur. Seine Schilderungen der exotischen Länder und der Indigenen zeugen von einem neugierigen Blick auf das Fremde.“ (Hans-Christian Riechers in Der Tagesspiegel)

Erst der Historiker Christian Jostmann liefert uns knapp 500 Jahre später mit dieser Version eine vollständige deutsche Übersetzung des historischen Abenteuerberichts. Dass er damit einen wichtigen Diskursbeitrag geleistet hat, liegt auf der Hand: Immerhin war es Pigafettas Reisetagebuch, das die Idee der Erde als Scheibe ins Wanken brachte. Und auch, dass im Jahr 1492 Indien entdeckt worden sei, zog er mit seinen Schilderungen beim aufmerksamen Leser in Zweifel. Nicht jedoch, ohne dabei ein eindrucksvolles Bild der Welt zu zeichnen, wie sie außerhalb der Komfortzone ist: wild, bunt, brutal, wunderschön und unbegreiflich weit.“ (Jenny W. Wirschky auf reciproque.de)

Pigafettas von Christian Jostmann erstmals vollständig ins Deutsche übertragener und fachkundig kommentierter Bericht, regt zu vielen Fragen … an. Sie justieren unseren Blick auf das Eigene und das Fremde neu und fordern unsere Haltung zu Europas kolonialem Erbe heraus.“ (Frank Kaspar in Antonio Pigafetta: „Die erste Reise um die Welt“ – Augenzeuge der Kolonisierung (deutschlandfunkkultur.de)

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1000 Jahre Globalisierung?

aktualisiert am 31. August 2020

Kiwis aus Neuseeland, Ananas aus Costa Rica, Wein aus Chile – man muss nur in den Supermarkt gehen, um zu begreifen, dass wir in einer globalisierten Welt leben. Doch wer meint, Globalisierung sei ein modernes Phänomen, irrt. Fritz Heichelheim, ein aus Nazideutschland vertriebener Althistoriker, erkannte schon bei den antiken Sumerern und Ägyptern vor 5000 Jahren Fernhandelsnetze, die sich von Nordafrika bis ins Innere Asiens erstreckten. Nicht ganz so weit in die Vergangenheit zurück geht Janet Abu-Lughods These vom spätmittelalterlichen „Weltsystem“. Während des Mongolenreiches, also zwischen 1250 und 1350 etwa, habe sich in weiten Teilen Asiens, Afrikas und Europas ein komplexes Netzwerk kommerziellen und kulturellen Austauschs etabliert. Da wurde Bernstein vom Baltikum bis nach China gehandelt, Elfenbein gelangte von Südafrika auf dem Seeweg nach Indien und weiter nach Ostasien, gefärbte Baumwollstoffe wurden von Indien nach Java exportiert, Porzellan und Seide von China in den Mittleren Osten, Gewürze von den Molukken bis nach Paris und London …

Dass Globalisierung gar nichts Neues sei, ist auch die Botschaft von Valerie Hansens Buch „The Year 1000. When Explorers Connected the World – and Globalization began“. Die in Yale lehrende Historikerin und China-Expertin hat zahlreiche Indizien dafür versammelt, dass Handel und kulturelle Kontakte bereits um die erste Jahrtausendwende sprunghaft zunahmen – und zwar weltweit.

Bild: Simon and Schuster, Inc.

Ihre literarische Tour um den Globus startet Hansen mit den Atlantikfahrten der Wikinger, die bekanntlich um das Jahr 1000 Grönland und das heutige Kanada ansteuerten. Folgt man der Autorin, dann sind die blonden Männer in ihren Langbooten noch ein gutes Stück weiter gekommen, nämlich bis zur mexikanischen Halbinsel Yucatan, wo Hansen sie und ihre Schiffe auf Wandbildern der Mayas identifiziert haben will.

Weil es die Wikinger nicht nur nach Westen trieb, skizziert Hansen anschließend ihre Umtriebe in Osteuropa. Dort reüssierten Skandinavier seit dem 8. Jahrhundert als Sklaven- und Pelzhändler und wirkten wohl auch an der Gründung des ältesten russischen Reiches mit, der Kiewer Rus. Der Sklavenhandel leitet zum nächsten Kapitel ihres Buches über, das sich den Beziehungen zwischen Afrika und der islamischen Welt widmet. Vor allem Bagdad, damals eine Millionenstadt, habe einen solchen Bedarf an Sklaven entwickelt, dass die Zahl der jährlich durch die Sahara verschleppten Menschen in die Tausende ging. Der Menschenhandel zwischen Afrika und dem Mittleren Osten, schätzt Hansen, habe über die Jahrhunderte fast so viele Opfer gefordert wie der transatlantische der Frühen Neuzeit, nämlich an die 12 Millionen.

Gänzlich anders geartet, aber laut Hansen nicht minder massiv waren Migrationsbewegungen, die sich um die erste Jahrtausendwende in Zentralasien abspielten. Der breite Steppengürtel zwischen Ungarn und Nordchina bot den berittenen Kriegern nomadischer Stämme, wie den Seldschuken, ideale Bedingungen, um die angrenzenden Reiche auszurauben oder zu unterwerfen. Nicht selten nahmen die Eroberer nicht nur die irdischen Reichtümer ihrer Opfer an sich, sondern auch deren religiöse Überzeugungen. So sorgten sie für die Ausbreitung des Islam und des Buddhismus in Zentralasien – auch dies eine Form der Globalisierung.

Was in Innerasien Pferde, leisteten auf dem Indischen Ozean Dschunke und Dhau: Die beiden Schiffstypen ermöglichten den Kontakt zwischen Kulturen und Völkern, die tausende Seemeilen entfernt voneinander lebten. Auf ihnen gelangten sowohl gefragte Güter wie Edelmetalle, Seide, Porzellan und Gewürze übers Meer als auch Mönche und heilige Texte. Am dichtesten gewoben war das Handelsnetz ganz im Osten Asiens, rund um die Südchinesische See, weshalb Hansen diese Region mit dem Etikett „The Most Globalized Place on Earth“ versieht. Während in den größten Städten Europas jener Zeit gerade mal ein paar tausend Menschen hausten, reichte die Einwohnerzahl der beiden chinesischen Häfen Guangzhou und Quanzhou bereits an die Million. Hier lebten Chinesen Tür an Tür mit Arabern und Indern, und auf den Märkten war alles käuflich von afrikanischem Elfenbein-Schmuck über in Malaysia gewobene Rattan-Matten bis zu aromatischem Sandelholz aus Timor (laut Hansen allerdings kaum Sklaven).

Weltkarte des Al Idrisi aus dem Jahr 1154.
Bild: Wikimedia Commons

Für ihre Tour d’horizon durch die globalisierte Welt des Jahres 1000 ist Valerie Hansen zu danken. Sie lesend nachzuvollziehen kann unserem auf die Neuzeit fixierten Geschichtsbild und unserem Hang zum Eurozentrismus entgegenwirken. Auch wenn das in manchen Schulbüchern noch immer so steht: Die Globalisierung war keine Erfindung genialer oder – je nach Sichtweise – diabolischer Renaissance-Menschen aus Europa. Sondern ein Prozess, der lange vor 1500 in Gang war und – wie heute auch – von den verschiedensten Akteuren auf der ganzen Welt vorangetrieben wurde. Zweifellos konnten sich die europäischen Imperialisten der Frühen Neuzeit Netzwerke und Kommunikationswege zunutze machen, die sie fast überall auf der Welt vorfanden, von Tidore bis Tenochtitlán.

Dass und warum „die“ Globalisierung aber ausgerechnet um das Jahr 1000 herum begonnen haben soll, kann Hansen in meinen Augen nicht schlüssig begründen. Die meisten Handelsnetze, die sie in ihrem Buch beschreibt, waren um die erste Jahrtausendwende längst geknüpft, einige wie die beiden „Seidenstraßen“, die innerasiatische und die maritime, bestanden schon seit vielen Jahrhunderten. Auch hatten auf der Erde bereits weiträumige Expansionsprozesse stattgefunden, die bis heute nachwirken: von der Verbreitung des Buddhismus in Asien über den Indienzug Alexanders des Großen bis zur explosionsartigen Ausdehnung des Dar al-Islam ab etwa 630 – wohl einer der folgenreichsten Globalisierungsschübe überhaupt. 711 eroberten muslimische Krieger die iberische Halbinsel und 751 besiegten sie in der Schlacht am Fluss Talas, wo heute Kasachstan an Kirgistan grenzt, eine Armee der Tang-Dynastie. Ein in diesem Frühjahr erschienenes Handbuch beschreibt den Grad globaler Vernetzung, den Gesellschaften in Afrika, Asien und Europa bereits im Frühmittelalter (ca. 600-900 n. Chr.) erreicht hatten, also deutlich vor dem Jahr 1000.

Wenig überzeugend finde ich auch, die Fahrten des Wikingers Leif Eriksons nach Neufundland und Labrador (von der höchst spekulativen Präsenz der Nordmänner auf Yucatan ganz zu schweigen) sowie die Besiedlung des Pazifik durch die Polynesier ins Feld zu führen, um die These zu untermauern, die Globalisierung habe um das Jahr 1000 ihren Anfang genommen. Die Pazifik-Besiedlung erfolgte in mehreren Schüben; der letzte begann nach heutigem Wissensstand um 700 n. Chr. und endete gut 500 Jahre später mit der Besiedlung von Aotearoa (Neuseeland). Aber inwiefern stehen die Fahrten der Polynesier mit Migrationsbewegungen in Zusammenhang, die sich im selben Zeitraum anderswo auf dem Globus ereigneten? Da wir nicht wissen, warum sie in See stachen, lässt sich diese Frage allenfalls hypothetisch beantworten.

Jedenfalls waren vor der Neuzeit die meisten pazifischen Inseln einschließlich Papuas und Australiens so wenig in das Handelsnetz der „Alten Welt“ eingebunden wie der amerikanische Kontinent. Es macht eben einen Unterschied, ob eine Handvoll wagemutiger Pioniere den Weg zu fernen Gestaden fand oder ob sie auch den Rückweg meisterten, sodass dauerhafte Kontakte zustandekamen. Die Kanarischen Inseln wurden lange vor Christus von den Guanche besiedelt, doch in den tausend Jahren vor ihrer Eroberung durch Europäer im 14. Jahrhundert unterhielten jene keine Beziehungen zur Außenwelt. Desgleichen lebten die Rapa Nui der Osterinsel, die Chamorros auf Guam und die Maori auf Aotearoa bis zur Ankunft europäischer Seefahrer isoliert, und aus den Fahrten der Wikinger entstanden, anders als aus denen des Kolumbus, keine bis heute andauernden Verbindungen zwischen den Kontinenten. Die Skandinavier gaben ihre Siedlungen auf Grönland um 1400 wieder auf. Es ist daher irreführend, wenn Hansen schreibt, die von Vasco da Gama und Magellan „entdeckten“ Seerouten seien bereits tausend Jahre zuvor befahren worden. Aus Sicht der Globalisierung ist entscheidend, wann auf diesen Routen ein kontinuierlicher, langfristiger Austausch von Menschen, Waren und Ideen in Gang kam. Nach diesem Kriterium sind die Etablierung der portugiesischen Carreira da India nach 1498 und die Einrichtung der Manila-Galeone rund hundert Jahre später, die Amerika mit den Philippinen verband, nunmal Marksteine globaler Geschichte.

Kriegsschiff aus einem Militärhandbuch der Song-Dynastie (frühneuzeitl. Druck nach einer Vorlage des 11. Jhs. n. Chr.)
Bild: Wikimedia Commons

Den Begriff der „Globalisierung“ diskutiert Valerie Hansen in ihrem Buch nicht, sondern umschreibt ihn allenfalls vage:  „This is, when trade routes took shape all around the world that allowed goods, technologies, religions, and people to leave home and go somewhere new.“ Nach dieser Definition hätte die Globalisierung nicht vor tausend, sondern bereits vor 100.000 Jahren begonnen, als die ersten Exemplare der Gattung Homo sapiens ihre afrikanische Heimat verließen, neue Lebensräume erschlossen und bald auch begannen, über längere Distanzen Dinge zu tauschen, wertvolle Steine zum Beispiel, was spätestens für das Jungpaläolthikum belegt ist. Die  Unschärfe ihres Globalisierungsbegriffs schadet nach meinem Urteil Hansens Argumentation. Indem sie nicht nach der Wechselseitigkeit und Nachhaltigkeit der von ihr beschriebenen Kontakte fragt, übetreibt Hansen die schon oft beschworene historische Bedeutung der „mutation d’an mil“ (Dominique Barthélemy 1997) für die globale Geschichte. China mag um das Jahr 1000 der „Most Globalizend Place on Earth“ gewesen sein. Aber es war sicherlich nicht der Startplatz, von dem „die“ Globalisierung ihren Ausgang nahm. Von der Hochblüte der Song-Dynastie führte kein ununterbrochener historischer Pfad zu den Expansionsprozessen des 15. und 16. Jahrhunderts. An diesen nahm China, jedenfalls bis 1567, nicht aktiv teil.

Nun müssen in einer globalisierten Welt auch Bücher darum wetteifern, wahrgenommen und gekauft zu werden. Eine zugespitzte (wenn auch keineswegs ganz neue) These mag dabei helfen. Den nicht ganz uninformierten Leser freut sowas weniger. Aber trotz seiner begrifflichen Schwächen sei das Buch zur Lektüre empfohlen, zum einen wegen der Fülle des darin ausgebreiteten Materials, zum zweiten wegen der Zusammenhänge, die es herstellt, zum dritten weil es als Antidot gegen allzu bornierte Geschichtsbilder wirken kann (s.o.):

Valerie Hansen, The Year 1000. When Explorers Connected the World – and Globalization began. Simon and Schuster, New York 2020.

Update: Eine deutsche Übersetzung von Hansens Buch ist für September 2020 angekündigt.

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Neues von Pigafetta

Veröffentlicht am 19. Mai 2020

Es ist an der Zeit, wieder einmal von Antonio Pigafetta zu sprechen. Dem Ritter aus der norditalienischen Stadt Vicenza verdanken wir eines der schönsten Reisebücher der Weltliteratur, nämlich seinen Bericht über die erste Umrundung der Erde. Darin erzählt Pigafetta höchst anschaulich und lebendig von seiner Fahrt auf der Armada des Magellan, die ihn zwischen 1519 und 1522 von Spanien über Südamerika und den Pazifik bis zu den heutigen Philippinen, nach Borneo, zu den Molukken, nach Timor und um das Kap der Guten Hoffnung zurück nach Sevilla – kurzum: einmal rund um die Welt – führte.

Erste Karte der Magellanstraße, aus Pigafettas Bericht
(Bild: Biblioteca Nacional de Chile)

Bisher war Pigafettas Bericht auf Deutsch nur in gekürzten oder willkürlich umgearbeiteten Versionen erhältlich, die keinen authentischen Eindruck von diesem lesenswerten Text vermitteln. Ich habe mir daher, unterstützt vom Deutschen Übersetzerfonds, die Mühe gemacht, den gesamten Bericht nach der besten erhaltenen Handschrift, L 103 Sup. der Mailänder Biblioteca Ambrosiana, neu zu übersetzen. Und im Verlag wbg-Wissen verbindet habe ich einen kompetenten Partner gefunden, der meine Neuübersetzung im Druck herausgeben wird.

Neben der ersten vollständigen, originalgetreuen Übersetzung von Pigafettas Bericht ins Deutsche wird die Neuausgabe eine Einleitung und detaillierte Kommentare enthalten, die Leserinnen und Lesern der Gegenwart einen barrierefreien Zugang zur fernen Welt des frühen 16. Jahrhunderts ermöglichen. Außerdem werden darin erstmals sämtliche farbigen Miniaturen abgebildet sein, mit denen Pigafetta sein Werk geschmückt hat. Das Buch soll Mitte September erscheinen – ich freue mich schon sehr darauf!

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Verdachtsunabhängige Kontrolle

Veröffentlicht am 17. April 2020

Am 28. April 2020 begeht Österreich ein denkwürdiges Jubiläum. An diesem Tag ist es genau 25 Jahre her, dass Innenminister Caspar Einem in Brüssel das Schengener Übereinkommen unterzeichnete. Bis zu dessen Umsetzung sollte es danach noch etwas dauern. Erst seit Ende 1997 konnten Reisende die Grenze ohne – wie es in der Polizeisprache heißt – „verdachtsunabhängige Kontrolle“ passieren.

So war es auch, als meine Frau, eine gebürtige Österreicherin, und ich, ein deutscher Staatsbürger, im Frühjahr 2005 von Deutschland nach Österreich übersiedelten, um uns im Weinviertel niederzulassen. Niemand wollte an der Grenze unsere Pässe sehen und niemand interessierte sich für den Inhalt des Kleintransporters, mit dem wir unseren Hausrat in die neue, für meine Frau alte, Heimat überführten.

Bild: Bernd Ctortecka

In den folgenden Jahren haben wir die Grenze ungezählte Male gequert: um Verwandte und Freunde zu besuchen, zu Familienfeiern, zu beruflichen Zwecken, oft allein, manchmal zu zweit, meistens mit den Kindern. Den Kindern erzählten wir beim Grenzübertritt gern, wie es früher war, als man noch kontrolliert wurde und mit Wartenzeiten rechnen musste. Dabei redeten wir wie alte Leute, wenn sie von längst vergangenen Dingen erzählen, die sich die Jüngeren nicht richtig vorstellen können. Von Dingen, die zwar von leiser Nostalgie umflort sein mochten, die aber ehrlicherweise niemand vermisste. Für eine österreichisch-deutsche Familie wie uns war „Schengen“ einfach nur ein Segen.

Bild: Bernd Ctortecka

Wie segensreich die Schengener Bräuche gewesen waren, erfuhren wir, als wir Anfang 2016 wieder einmal nach Deutschland reisten. Gegen Mitternacht hämmerte es gegen die Tür unseres Liegewagenabteils und eine Männerstimme riss uns aus den Träumen: „Aufmachen! Bundespolizei. Passkontrolle!“ Auf meine verwunderte Frage, was wir uns denn hätten zuschulden kommen lassen, dass er unseren und unserer Kinder Schlaf störe, erklärte mir der Beamte, sie würden im Zug nach illegal einreisenden Personen suchen. Wohl um die Sinnhaftigkeit seines Tuns zu betonen, fügte er hinzu, dass sie in der vorherigen Nacht sogar eine solche Person aufgegriffen hätten.

Seither wurden Grenzkontrollen für uns wieder zur Normalität. Nicht nur erwarteten wir bei jedem Grenzübertritt, kontrolliert zu werden. Auch der Verkehrsfunk erinnerte uns regelmäßig an die veränderten Verhältnisse, wenn er die Wartezeiten an den Grenzübergängen durchgab. Aber auch diese andere Normalität, die im Herbst 2015 die Normen des Schengener Abkommens abgelöst hat, ist uns mittlerweile abhanden gekommen. Am 16. März 2020 wurde die Grenze zwischen Österreich und Deutschland vollends geschlossen, und sie wird es auch über den 28. April hinaus sein – diesmal allerdings nicht, um illegal einreisende Menschen, sondern um Coronaviren am Grenzübertritt zu hindern. Was aber auf dasselbe hinausläuft, weil nun alle Menschen im Verdacht stehen, Virenschmuggler zu sein.

Bild: Bernd Ctortecka

Für meine österreichisch-deutsche Familie ist die Grenzschließung eine Zäsur im Wortsinn, schneidet sie uns doch in einem bislang nie erlebten Maß von unseren Verwandten und anderen lieben Menschen ab. Nicht de jure, weil alle deutschen Staatsbürger weiterhin das Recht haben, nach Deutschland einzureisen, aber de facto – und vor allem gefühlt.

Angesichts der uns verordneten Entkörperlichung fast aller zwischenmenschlichen Beziehungen mag das nebensächlich sein. Dennoch erscheint es mir bemerkenswert, dass Österreich unter solchen Vorzeichen das 25jährige Jubiläum seines Beitritts zum Schengener Übereinkommen begeht – und nicht etwa feiert, denn zu feiern wäre allenfalls die Öffnung der Grenze nach dem Abklingen der Pandemie. So denn die Grenze wieder geöffnet wird …

Bild: Bernd Ctortecka

Am 15. April hat das deutsche Bundesinnenministerium mitgeteilt, dass der Minister „aus migrations- und sicherheitspolitischen Gründen … die vorübergehende Wiedereinführung von Binnengrenzkontrollen an der deutsch-österreichischen Landgrenze mit Wirkung zum 12. Mai 2020 für einen sechsmonatigen Zeitraum auf Grundlage der Art. 25 bis 27 des Schengener Grenzkodex neu angeordnet hat“.

„Schengen“ bleibt also – bis auf ministeriellen Widerruf – Geschichte. Damit aber nicht in Vergessenheit gerät, wie es zwischenzeitlich an den Grenzen aussah, stelle ich aus Anlass des „Jubiläums“ einige der Bilder online, die der Fotograf Bernd Ctortecka im Jahr 2005 an der österreichisch-deutschen Grenze aufgenommen hat. Die Bilder sollten seinerzeit eine Bestandsaufnahme liefern, im Jahr Zehn nach dem Schengen-Beitritt Österreichs. Sie waren gedacht als Einladung zur Reflexion, was das scheinbare Verschwinden der Staatsgrenzen ästhetisch und symbolisch bedeutete. Heute scheinen sie uns an eine Utopie zu erinnern, die vielleicht niemals Wirklichkeit geworden ist.

 

 

Weitere Info zum Schengen-Projekt (2005).

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Der Heilige Hiob auf Timor

Veröffentlicht am 23. März 2020

Am 25. Januar 1522 erreichte der italienische Ritter Antonio Pigafetta auf dem spanischen Dreimaster Victoria die Insel Timor. Pigafetta und seine Gefährten waren nicht die Ersten, die aus Europa nach Timor kamen. Portugiesische Schiffe liefen die Insel bereits seit ein paar Jahren immer wieder an, um ihren wichtigsten Exportartikel einzukaufen: Sandelholz. Die Victoria war allerdings das erste Schiff, das Timor, ja überhaupt Asien von Westen kommend ansteuerte, auf dem langen Weg um die Südspitze Amerikas herum und über den Pazifik. Und Pigafetta war der erste europäische Autor, der eine Beschreibung der Insel lieferte – in seinem „Bericht über die erste Umrundung der Erde“, den er nach der Rückkehr verfasste.

Karte von Timor aus Pigafettas Bericht. Süden ist oben. Bild: Wikimedia Commons

Neben anderen Details über die Lebensweise der Einheimischen, ihre Kleidung und Ernährung, die Sandelholzproduktion und die Herrschaftsverhältnisse auf Timor berichtete Pigafetta auch von einer Krankheit, die auf allen Inseln des Malaiischen Archipels grassiert habe, besonders stark aber auf Timor. Pigafetta nannte diese Krankheit „das Leiden des Heiligen Hiob“. Die Einheimischen würden sie allerdings „for franchi“ nennen, „das heißt portugiesische Krankheit“.

Frühe Darstellung eines Syphilis-Kranken. Albrecht Dürer zugschrieben. Bild: Wikimedia Commons

„Leiden des Heiligen Hiob“: Das war im Europa der Frühen Neuzeit ein Name für die Syphilis, eine Seuche, die am Ende des 15. Jahrhunderts erstmals in Italien massenhaft ausgebrochen war und von der man annimmt, dass Rückkehrer der Columbus-Expeditionen sie aus Amerika eingeschleppt hatten. Pigafettas Bericht zeigt, dass die Syphilis ein Vierteljahrhundert später bereits den äußersten östlichen Rand der „Alten Welt“ erreicht hatte, mutmaßlich an Bord portugiesischer Schiffe, waren diese bis dato doch die einzigen, die den Seeweg zwischen Europa und Asien befuhren. Daher nannten die Einheimischen sie „portugiesische“ oder wörtlich „fränkische Krankheit“.

Mit dem Adjektiv „fränkisch“ wurden in Indien und Südasien seit etwa der Zeit Karls des Großen allgemein Fremde belegt, die aus Europa kamen. Zu Anfang des 16. Jahrhunderts waren das mehrheitlich Portugiesen, die durch Schiffs- und Geschlechtsverkehr einen Beitrag zur „unification microbienne du monde“ (Emmanuel Le Roy Ladurie) leisteten, zur „mikrobiellen Vereinigung der Welt“ im beginnenden Zeitalter der Globalisierung. In der vedischen Medizin heisst die Syphilis übrigens auch heute noch „firanga roga“: fränkische Krankheit

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Autorenlesung in Entringen

Aktualisiert am 28. Januar 2020

Am Donnerstag, den 23. Januar 2020, habe ich um 19:30 Uhr in der Nähe von Tübingen aus meinem aktuellen Buch Magellan oder Die erste Umsegelung der Erde gelesen.

Veranstaltungsort war die mehr als 500 Jahre alte Entringer Zehnscheuer in der Gemeinde Ammerbuch, die von einem Kulturverein saniert wurde:

Bild: Förderverein Zehntscheuer Ammerbuch-Entringen

Hier ein Bericht über die Lesung im Schwäbischen Tagblatt vom 25. Januar 2020.

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„… dass wir die gesamte Rundung der Welt entdeckt haben.“

Aktualisiert am 12. Dezember 2019

 

Bild: Verlag C.H. Beck

Spannend wie ein Seefahrer-Roman“ (Welt am Sonntag)

„Jostmann verflicht gekonnt die historischen Quellen zu einer spannenden Erzählung, ohne Überlieferungslücken mit Spekulationen zu füllen und somit den Sachbuchcharakter aufzuweichen.“ (Sebastian Hollstein in Spektrum der Wissenschaft)

„Ein Sachbuch wie man es sich wünscht, eines das fachlich kaum Fragen und stilistisch keine Wünsche offenlässt, das seine Geschichte in allen Details und in aller Ruhe auserzählt und so … eine tiefe Immersion schafft, die einen immer weiter ins Abenteuer hineinzieht. Für so ein Leseerlebnis lasse ich jeden Roman liegen.“ (dampierblog.de)

„In der neuesten Darstellung von Magellans Abenteuer bietet der Historiker Christian Jostmann eine nüchterne, indes nicht minder spannende, fachkundige und lesenwerte Narration.“ (Oliver vom Hove in Die Presse)

Eine neue, gelungene Biografie …, die den Lebensweg des Portugiesen in spanischen Diensten spannend nacherzählt, gut recherchiert ist und sprachlich außerordentlich beeindruckt.“ (Alexander Querengässer in Zeitschrift für Geschichtswissenschaft)

Der Mensch Magellan starb und sein Mythos begann. Jostmann nimmt den Mythos und zeigt uns den Menschen.“ (Ingo Löppenberg in Das Historisch-Politische Buch)

Auf Platz 5 der 10 besten Sachbücher für den Monat August – eine Empfehlungsliste der Literarischen Welt, Neuen Zürcher Zeitung, von WDR 5 und Radio Österreich 1.

Jetzt auch in 3., durchgesehener Auflage!

Wer mehr als nur die übliche Heldensaga vom „größten Seefahrer aller Zeiten“ (Stefan Zweig) lesen will, findet in meinem Buch „Magellan oder Die erste Umsegelung der Erde“ alles, was ihn interessiert:

Wie kam es dazu, dass der portugiesische Ritter Fernão de Magalhães einen Vertrag mit dem kastilischen König schloss, um für ihn die Molukken zu „entdecken“, die legendenumwobenen Gewürzinseln?

Wie sahen die Schiffe aus, mit denen Magellan und seine Mannschaft am 20. September 1519 in See stachen, und wie wurden sie ausgerüstet? Wie war das Leben an Bord? Wie fanden die Steuermänner ihren Kurs?

Was erlebten die Seefahrer auf ihrer jahrelangen Reise, die einige von ihnen um den ganzen Globus führen sollte? Wie viele kehrten am Ende nach Europa zurück? Warf das Unternehmen tatsächlich einen Gewinn ab, wie immer behauptet? Und was bedeutete es für die Zeitgenossen, dass erstmals ein Schiff die Erde umfahren hatte?

Gratis zum Download (pdf):

Bibliographie

Personenverzeichnis

>> Zur Website des Verlags

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Erste Erdumrundung on air

Veröffentlicht am 13. September 2019

Am 10. August 1519 legte die spanische Armada zu den Gewürzinseln, deren Kommandant Fernão de Magalhães – Magellan – hieß, von Sevilla ab. Sie fuhr den Guadalquivir hinunter bis zu dessen Mündung und ging in einem Hafen bei Sanlúcar de Barrameda vor Anker. Dort blieb sie sechs Wochen, weil die fünf Schiffe noch mit Proviant und den Waren beladen werden mussten, die man im fernen Osten bzw. Westen gegen Gewürze eintauschen wollte. Am 20. September waren alle Arbeiten abgeschlossen, so dass die Armada endlich in See stechen konnte. Von vielen wird daher der 20. September 1519 als Beginn jener großen Reise angesehen, die als erste Umsegelung der Erde in die Geschichte eingehen sollte.

Werbung für den Radioapparat „Magellan“ von Océanic (1961). Bild: pubmag59

Dem Jubiläum widmet der Radiosender SWR2 von Montag, den 16., bis Freitag, 20.9., jeden Vormittag ab 9:05 Uhr eine „Musikstunde„, in der Stefan Franzen „den Seeweg der Portugiesen und Spanier mit Musik aus fünf Jahrhunderten, aus allen Kontinenten und Genres von Klassik über Jazz bis zu den jeweiligen Volkskulturen“ nachzeichnet. Eine musikalische See- und Zeitreise, auf die ich schon sehr gespannt bin.

In der Woche darauf – ab Montag, den 23.9. – wird sich der Rundfunksender Ö1 unter dem Titel „Die Erde ist keine Scheibe“ mit dem historischen Ereignis beschäftigen, und zwar an vier Vormittagen ab 9:30 Uhr für jeweils eine Viertelstunde. Zu diesem Radiokolleg habe ich Wissen beigesteuert, und ich bin abermals neugierig darauf, was Andreas Wolf aus dem Thema gemacht hat

Andere Radioanstalten haben bereits um den 10. August Beiträge über Magellan und die erste Erdumrundung gesendet.

Besonders gelungen finde ich nach wie vor das „Zeitzeichen“ auf WDR5, das Ralph Erdenberger zum Anlass produziert hat. Zu empfehlen gerade auch für jüngere Hörerinnen und Hörer!

Mehr um die historischen Hintergründe und die Einordnung geht es im folgenden Beitrag, den der Deutschlandfunk im Rahmen der Reihe „Wendepunkte: Vorher – Nachher“ gebracht hat: „Gier, Ruhm und der Wettlauf der Nationen“.

Viel Spaß beim (Nach-) Hören!

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Ein halbes Jahrtausend …

Aktualisiert am 13. August 2019

… ist es nun her, dass vom Puerto de las Muelas in Sevilla fünf Schiffe ablegten. Es war der 10. August 1519, ein Mittwoch und Festtag des heiligen Lorenz. Zuvor hatte sich die Besatzung in der Kirche Santa Maria de la Vitoria zum Abschiedsgottesdienst versammelt, und der Statthalter des kastilischen Königs hatte dem Kommandanten der Flotte die Standarte überreicht. Danach waren alle zum Hafen gezogen, wo die Schiffe, mit Wimpeln geschmückt und schwarz glänzend vom Pech, vertäut lagen. Salutschüsse donnerten über den Fluss. Ein Schiff nach dem anderen stieß vom Ufer ab, die Focksegel gingen hoch, Bug um Bug drehte sich stromabwärts. Noch am selben Tag brach ein Eilbote nach Barcelona auf, um die Nachricht an den Hof Karls I. zu bringen: Die Molukken-Armada hatte endlich abgelegt!

Sie sollte dem kastilischen König gebührenden Anteil am Handel mit kostbaren Gewürzen bescheren, die im fernen Indien  gediehen. Das zumindest hatte der Kommandant der Flotte, ein portugiesischer Ritter namens Fernão de Magalhães, den man hierzulande als Magellan kennt, dem König versprochen. Magellan wollte finden, was schon zahllose Seefahrer vor ihm vergebens gesucht hatten: einen westlichen Seeweg nach Indien, und so den östlichsten Teil von Asien kastilischer Herrschaft unterwerfen. Doch seine Rechnung ging nicht ganz auf.

Bild: Ansicht von Sevilla im 16. Jh., Alonso Sánchez Coello zugeschrieben (Datei: WIkimedia Commons)

Von jener Flotte, die am 10. August 1519 von Sevilla ablegte, kehrte am Ende nur ein Schiff zurück: die „Vitoria“. Ihr Befehlshaber hieß Juan Sebastián Elcano, denn Magellan war auf den Philippinen (die damals noch nicht so hießen) im Kampf mit deren Einwohnern gefallen, nachdem er und seine Crew tatsächlich einen westlichen Seeweg nach Asien gefunden hatten – durch eine Meerenge im tiefen Süden Amerikas, die heute  „Magellanstraße“ heißt. Erstaunlicher noch: Die „Vitoria“ kehrte, nachdem sie die Molukken angefahren hatte, über das Kap der Guten Hoffnung nach Spanien zurück und hat damit als erstes Schiff, von dem man weiß, die gesamte Erde umrundet. Daher gedenken wir in diesen Tagen der ersten historischen Erdumsegelung.

Hören Sie mehr darüber im „Zeitzeichen“ des WDR-Hörfunks zum 10.8.1519, von und mit Ralph Erdenberger.

Oder lesen Sie mein Buch:

Bild: Verlag C.H. Beck

Christian Jostmann: Magellan oder Die erste Umsegelung der Erde. 336 S., mit 11 Abb. und 2 Karten. Verlag C.H. Beck, München 2019. 24,95 Euro (D).

Eine ausführliche neue Rezension des Buches finden Sie jetzt auf dampierblog.de.

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Spektroskopie

Veröffentlicht am 24. Juni 2019

Als Autor freue ich mich naturgemäß, wenn meine Bücher wahrgenommen, gelesen  und mehr noch wenn sie rezensiert werden. Ein Buch zu schreiben, zumal ein umfangreiches, hat über lange Zeit etwas von einem Monolog an sich. Von einem Monolog, bei dem ich mir als Autor nicht sicher sein kann, ob  jemand zuhört oder zuhören wird. Bis dann – hoffentlich! – Rückmeldungen von Leserinnen und Lesern eintrudeln, die das Buch gut oder weniger gut fanden, denen jenes gefallen und anderes nicht so gefallen hat. Dann erst wird für mich die Sache rund, weil aus dem Monolog ein Dialog und somit echte Kommunikation entstanden ist.

Daher freue ich mich auch stets über Rezensionen, und diese dürfen, ja sie sollen bitte auch kritisch sein – solange ich spüre, dass die Verfasserin oder der Verfasser sich ernsthaft mit dem Buch auseinandergesetzt hat. Besonders erfreulich finde ich es, wenn ein Rezensent in meinem Buch genau das gefunden hat, was ich versucht habe hineinzulegen. Und wenn er das dann auch noch in einer gut geschriebenen Besprechung an prominenter Stelle veröffentlicht. Daher bin ich sehr glücklich über diese Rezension von Sebastian Hollstein auf spektrum.de:

 

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Das Pigafetta-Projekt

VeröffentlichT am 3. Juni 2019

In den Jahren 1519 bis 1522 umsegelte erstmals ein Schiff nachweislich die gesamte Erde von Ost nach West. Zu den wenigen Überlebenden dieser epischen Fahrt, die der Portugiese Ferdinand Magellan im Auftrag der spanischen Krone initiiert hatte, gehörte Antonio Pigafetta, ein Patrizier aus Vicenza. Pigafetta schrieb nach der Rückkehr ein Buch über seine Erlebnisse, das heute als Klassiker der Reiseliteratur gilt.

Pigafetta war der erste, der in Europa von fremden Kulturen wie den Patagoniern (die von ihm ihren Namen erhielten), den Chamorros auf Guam, den Visayas auf den heutigen Philippinen, von fernen Inseln wie Borneo und Timor berichtete. Er begegnete dem Fremden mit Neugier und erstaunlich wenig Vorurteilen; und er wusste seine Erfahrungen in Worte zu kleiden, die nicht nur seinen Zeitgenossen eine ferne Welt näherbrachten, sondern diese auch für Leserinnen und Leser des 21. Jahrhunderts wieder lebendig werden lassen.

Von Pigafettas anhaltender Bedeutung kündet eine Vielzahl von Studien, Editionen und Übersetzungen aus dem Venezianischen, etliche davon jüngeren Datums. So erschien 2007 eine vorzügliche Neuausgabe des französischen Pigafetta im Pariser Verlag Chandeigne.

Bild: J.A. Robertson, Magellan’s Voyage Around the World

Wer jedoch Pigafettas Reisebericht auf deutsch lesen möchte, muss auf einen verstümmelten Text zurückgreifen. In der einzigen auf dem hiesigen Buchmarkt erhältlichen Ausgabe ist der Originaltext an mehreren Stellen verkürzt, dafür sind andere Passagen hinzugefügt, die nicht aus Pigafettas Feder stammen, ohne dass die Kürzungen und Hinzufügungen als solche kenntlich gemacht wären. So wurde etwa folgender Abschnitt über den Aufenthalt der Flotte in der Guanabara- Bucht (Rio de Janeiro) kommentarlos gestrichen (Übersetzung von mir):

„Ein schönes Mädchen kam eines Tages auf das Flaggschiff, wo ich mich aufhielt, einfach nur um anzubandeln. Wie sie so abwartend dastand, warf sie einen Blick in die Kajüte des Meisters und sah dort einen Nagel, länger als ein Finger. Den nahm sie mit großer Vornehmheit und Anmut an sich, schob ihn zwischen die Lippen ihrer Natur und verschwand plötzlich, wobei sie sich ganz klein machte. Dies sahen der Generalkapitän und ich.“

Man muss kein Philologe oder Historiker sein, um derartige Eingriffe in einen Text, der zu den großen der Weltliteratur zählt, inakzeptabel zu finden. Eine zeitgemäße Neuausgabe von Pigafetta Reisebericht für ein deutsch lesendes Publikum ist überfällig, und ich bin überzeugt, dass eine solche auch am Buchmarkt ihre Käuferinnen und Käufer fände.

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Werk.Gänge

Veröffentlicht am 18. Mai 2019

Ein Abend, auf den ich mich besonders freue:

Die Literaturkritikerin und Feuilleton-Chefin der Furche, Brigitte Schwens-Harrant, hat mich nach Wien in die Österreichische Gesellschaft für Literatur zu einem Autorengespräch eingeladen. Sie wird mir mir unter anderem „über das Verhältnis von Literatur und Historie sprechen und über die Kunst, Geschichte zu recherchieren und zu erzählen.“ Im Laufe des Abends werde ich auch aus meinen Büchern lesen.

Österreichische Gesellschaft für Literatur
Palais Wilczek, Herrengasse 5, Stiege 1, 2. Stock
1010 Wien

Montag, 27. Mai 2019
19 Uhr

Der Eintritt ist frei.

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Ankündigung: Lesung bei München

Veröffentlicht am 24. April 2019

Am Samstag, den 4. Mai, werde ich im Rahmen der Unterhachinger Lesenacht aus meinem neuen Buch Magellan oder Die erste Umsegelung der Erde lesen – und zwar gleich zweimal:

um 19 Uhr im KUBIZ (Jahnstraße 1, Unterhaching)

um 21 Uhr in der Gemeindebücherei (Rathausplatz 11)

Ich freue mich über jede Zuhörerin und jeden Zuhörer!

Weitere Infos und Kartenreservierung unter: www.unterhachinger-lesenacht.de

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Schall und Rauch

Veröffentlicht am 31. März 2019

„Magellanstraße“ heißt seit dem 16. Jahrhunderts eine Meerenge im tiefen Süden Amerikas. Benannt wurde sie nach Ferdinand Magellan, dem Seefahrer, der sie entdeckte. Er allein? Hisste Magellan die Segel seines Schiffes etwa selbst?

Bild: Verlag C.H. Beck

Rund 240 Männer stachen am 20. September 1519 mit Magellan von der spanischen Atlantikküste in See, unter ihnen viele erfahrene Seeleute. Da war der ehrgeizige Steuermann Estevão Gomes, ohne den Magellan die Einfahrt in die Meerenge schwerlich gefunden hätte. Da war Andrés de San Martín, seines Zeichens Kosmograph, der Längengrade messen konnte mit einer Präzision, die damals ihresgleichen suchte. Da waren der baskische Schiffmeister Juan Sebastián Elcano und der Bootmann Francisco Albo aus Rhodos, die das letzte Schiff von Magellans Armada, die Vitoria, zurück nach Sanlúcar steuerten und damit die Umrundung der Erde vollendeten. Und da waren Matrosen wie Leone Pancaldo aus Savona, Nicolao de Nápoles oder Juan Rodríguez „el Sordo“ (der Taube), um nur ein paar wenige von ihnen zu nennen.

Als ich mein Buch über Magellan oder Die erste Umsegelung der Erde schrieb, wollte ich nicht ein weiteres Mal das oft gesungene Lied auf den vermeintlichen Helden dieser Tat anstimmen. Vielmehr war es mir ein Anliegen, auch von denen zu erzählen, die in den meisten Darstellungen nicht genannt werden, deren Namen heute nur noch wenigen Experten geläufig sind, ohne die aber Magellans berühmte Expedition nie zustande gekommen wäre. Allerdings können die vielen Namen in Magellans Geschichte einem Leser oder einer Leserin bald spanisch vorkommen. Daher haben wir dem Buch ein Personen- und Ortsregister beigegeben. Zusätzlich gibt es ab jetzt und hier ein Verzeichnis der wichtigsten Personen als Pdf gratis zum Download:

Personenverzeichnis zu Magellan oder Die erste Umsegelung der Erde

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Magellan-Mythen

Veröffentlicht am 8. März 2019

Wir wissen nicht allzu viel über Magellan, jenen Ritter portugiesischer Herkunft, der im September 1519 als Befehlshaber einer kleinen spanischen Flotte in See stach, um einen neuen Seeweg zu den Molukken zu erschließen, den Gewürzinseln in Südostasien. Aus seinem Leben vor dieser Reise, die seinen Namen unsterblich machen sollte, sind nur spärliche Daten bekannt. Manch einer hat versucht, die Lücken mit Legenden zu füllen. So ist mit der Zeit ein Magellan-Mythos entstanden, reich an Ausschmückungen und spekulativen Elementen, die in Ermangelung harter Fakten weitererzählt werden.

So liest man oft, Magellan sei (um) 1480 im nordportugiesischen Dorf Sabrosa geboren. Allein die Jahreszahl ist nicht mehr als bloße Vermutung. Magellan lebte in einer Zeit, die sich noch nicht dem Datensammeln verschrieben hatte. Es gab weder Geburtsurkunden noch Kirchenbücher, geschweige denn Melderegister. Das älteste gesicherte Dokument, das eindeutig auf seine Person verweist, ist eine Mannschaftsliste aus dem Jahr 1505. Damals schiffte Magellan sich auf der Flotte des Vizekönigs Dom Francisco de Almeida von Lissabon nach Indien ein. Über sein Alter zu diesem Zeitpunkt verrät die Liste nichts, außer dass er wohl kein Knabe mehr war.

Sicher ist hingegen, dass Magellan der namhaften Adelssippe der Magalhães entstammte, die ihren Stammsitz in der Terra da Nóbrega hatte und deren zahlreiche Familienzweige sich über weite Teile Nordportugals erstreckten. Der Vorname Fernão war in der Familie offenbar sehr beliebt: Im 15. und 16. Jahrhundert lässt sich ein halbes Dutzend verschiedener Träger des Namens „Fernão de Magalhães“ ausmachen – was es naturgemäß erschwert, den „richtigen“ Magellan ausfindig zu machen.

Anfang einer Schenkungsurkunde vom 19. März 1519, durch die Magellan seiner Schwester Ysabel das elterliche Landgut überschrieb. Bild: Archivo Histórico Provincial de Sevilla

Die beiden wichtigsten Dokumente, die ein wenig Licht in das Dunkel von Magellans Herkunft bringen, stammen aus dem Jahr 1519 – dem Jahr seiner Abreise zu den Molukken. Das eine ist sein Testament, das die Namen seiner Eltern und Geschwister nennt, darunter den seiner Schwester Ysabel. Das zweite ist ein Schenkungsvertrag zugunsten eben dieser Schwester. Ihr vermachte Magellan vor seiner Abfahrt das Landgut, das er als Erstgeborener von seinen bereits verblichenen Eltern Rui und Alda geerbt hatte. Das Landgut befand sich in Vila Nova de Gaia, unweit von Porto südlich des Douro, und umfasste Weinberge, Kastanienhaine und Äcker zum Getreideanbau. Wenn man über den Ort spekulieren möchte, wo Magellan geboren wurde und aufwuchs, dann sprechen die Fakten eindeutig für Porto beziehungsweise Vila Nova de Gaia. Das Dorf Sabrosa hat Magellan wahrscheinlich nie betreten.

Der Schenkungsvertrag lag fast ein halbes Jahrtausend im Archiv der Notare von Sevilla verborgen. Erst vor wenigen Jahren haben Historiker überhaupt Notiz von ihm genommen. Außer wenigen Fachleuten dürfte er kaum jemandem bekannt sein. In meinem Buch „Magellan oder Die erste Umsegelung der Erde“ habe ich dieses Dokument – so wie eine Vielzahl anderer – natürlich berücksichtigt. In diesem Buch hinterfrage ich den schon so oft erzählten Magellan-Mythos mittels Quellenkenntnis und -kritik. Damit versuche ich zu zeigen, dass Magellans Geschichte auch ohne spekulative Ausschmückungen und Legenden erzählenswert ist:

Bild: Verlag C.H. Beck

Christian Jostmann: Magellan oder Die erste Umsegelung der Erde. 336 S., mit 11 Abb. und 2 Karten. Verlag C.H. Beck, München 2019. 24,95 Euro (D).

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Buch ahoi!

Veröffentlicht am 13.02.2019

Seit dieser Woche im Buchhandel erhältlich: mein neues Buch über den Seefahrer

Ferdinand Magellan und die erste Umsegelung der Erde!

Bild: Verlag C.H. Beck

1519 bis 1522 segelte zum ersten Mal (soweit wir wissen) ein Schiff einmal rund um den Globus. Die „Santa Maria de la Vitoria“ war etwa 25 Meter lang, hatte drei Masten plus Bugspriet und 45 Mann Besatzung (von denen bei der Rückkehr noch 18 am Leben waren: Magellan selbst zählte nicht zu den Heimkehrern).

Die Vitoria lief Brasilien an, entdeckte die Magellan-Straße, überquerte als erstes europäisches Schiff den Pazifik, besuchte – ebenfalls als erstes europäisches Schiff – die heutigen Philippinen und Borneo, erreichte schließlich nach zwei Jahren auf hoher See die Molukken und kehrte von dort um das Kap der Guten Hoffnung in ihren Heimathafen Sevilla zurück:

Drei Jahre voller Abenteuer, Entbehrungen und Kämpfe, die in diesem Buch wieder zum Leben erweckt werden!

Ein Buch für Geschichtsfreaks, Segler.innen und Freizeit-Skipper, Armchair-Traveller und alle, die mehr über die Vorgeschichte unserer modernen globalisierten Welt erfahren möchten. Alles höchst seriös recherchiert und gut lesbar aufbereitet. Und der Verlag C.H. Beck hat dem Text wieder eine sehr ansprechende äußere Form gegeben. Das ideale Geschenk für die Frau ebenso wie den Mann von Welt! Aber auch ein Buch zum Selber-Schmökern!

Christian Jostmann: Magellan oder Die erste Umsegelung der Erde. 336 S., mit 11 Abb. und 2 Karten. Verlag C.H. Beck, München 2019. 24,95 Euro (D).

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Der (un)romantische Magellan

Veröffentlicht am 28.01.2019

Am 14. Februar erscheint mein neues Buch „Magellan oder Die erste Umsegelung der Erde“. Dass es am Valentinstag auf den Markt kommt, ist meines Wissens reiner Zufall. Denn um Romantik geht es in dem Buch eher nicht – jedenfalls nicht im landläufigen Sinn. Wenn man unter Romantik allerdings eine kulturhistorische Epoche versteht, dann schon. Ist doch der „Held“ des Buches, Ferdinand Magellan, eine literarische Erfindung der Zeit um 1800.

Bild: aus „Primo viaggio intorno al globo terracqueo“, ed. Carlo Amoretti 1800

Damals entdeckte Carlo Amoretti in der Mailänder Biblioteca Ambrosiana den Bericht Antonio Pigafettas über die „Erste Reise um den Erdglobus“ wieder und rief mit seiner Publikation ein großes Echo hervor. Pigafetta war 1519 von Sevilla aus auf einer kleinen Flotte in See gestochen, die einen westlichen Seeweg zu den Molukken finden sollte, den sagenumwobenen Gewürzinseln Südostasiens. Fast auf den Tag genau drei Jahre später kehrte eines der Schiffe zurück und überbrachte, neben einer Ladung Gewürznelken, dem kastilischen König die Sensationsnachricht, „dass wir die gesamte Rundung der Welt entdeckt und umrundet haben, indem wir nach Westen weggefahren und von Osten zurückgekehrt sind“.

Die Forscher und Entdecker des 19. Jahrhunderts – Männer wie Alexander von Humboldt – erblickten in den Seefahrern der Frühen Neuzeit heroische Vorläufer ihrer eigenen Bestrebungen. Sie erklärten und verklärten die Weltumsegler zu Pionieren der Welterkundung, allen voran Ferdinand Magellan, unter dessen Kommando die Flotte 1519 in See gestochen war. Magellan hatte die Reise zwar nicht überlebt. Aber der schriftstellerisch begabte Pigafetta war, was seinen toten Kommandanten anging, des Lobes voll: Magellan habe sich „auf das Kartenlesen und die Navigation genauer [verstanden] als sonst irgendein Mann auf der Welt“, und kein anderer habe „so viel Genie und Eifer“ besessen, „um einmal die Welt umrunden zu können, wie er es fast getan hatte“.

Im 19. Jahrhundert – einer Zeit, da Genies in Europa Hochkonjunktur hatten – rannte Pigafetta mit solchen Worten offene Türen ein. Magellans literarisches Schicksal war besiegelt. Er galt fortan als genialer Seefahrer und Entdecker. Seither tragen auch die beiden Nachbargalaxien der Milchstraße seinen Namen: Magellansche Wolken.

Bild: Verlag C.H. Beck

Um diesen Magellan – die literarische Figur des 19. Jahrhunderts – geht es in meinem neuen Buch nur am Rande. Es handelt vor allem von der historischen Gestalt, die dieser Figur zugrunde liegt: dem portugiesischen Ritter Fernão de Magalhães. Und es erzählt von der Zeit, in der er lebte: dem Zeitalter der Entdeckungen, als sich das Netz menschlicher Kommunikation und des Kommerzes vollends über den Globus legte.

Was trieb Leute wie Magalhães um? Welche Ziele verfolgten ihre Auftraggeber, Geschäftspartner und Reisegefährten? Wie sahen die Schiffe aus, auf denen sie segelten? Was aßen sie unterwegs? Was wussten sie über die Erde und die Gestalt ihrer Oberfläche? In was für einer Gesellschaft lebten sie? Und wie gingen sie mit Menschen aus anderen Kulturen um, denen sie unterwegs begegneten? Diese und andere Fragen versuche ich in meinem Buch „Magellan oder Die erste Umsegelung der Erde“ zu beantworten.

Dabei beziehe ich mich als Historiker auf die Dokumente, Berichte und sonstigen Überbleibsel, die aus der Vergangenheit erhalten sind. Aus ihnen rekonstruiere ich die Geschichte des Fernão de Magalhães und seiner Zeit. Für alle Interessierten gibt es ab jetzt und hier gratis zum Download eine (englischsprachige) Einführung in die Quellen und die historische Literatur, die ich für das Buch herangezogen habe:

Magellan_Bibliography

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Mit Magellan um die Welt

Veröffentlicht am 07.01.2019

Als im Herbst 2015 so viele Menschen nach Europa kamen, um hier Schutz und ein besseres Leben zu suchen, hatte das auch Auswirkungen auf mein Leben. Ich habe mich in einem Flüchtlingshilfeprojekt in unserer Gemeinde engagiert und ich begann, einen Blog zu schreiben. Die Ankunft der Fremden hatte mich daran erinnert, dass auch ich ein Fremder war in diesem Land. Also habe ich eine Zeit lang über mein Leben als „Zugeroaster“ im österreichischen Weinviertel berichtet, wo ich seit 2005 ansässig bin [http://fremd-in-der-heimat.blogspot.com].

In den ersten zehn Jahren meines Aufenthaltes hatte ich die Österreicherinnen und Österreicher als durchweg freundliche, vielfach herzliche und oft gescheite Menschen schätzen gelernt, die augenscheinlich ein Talent dafür hatten, es sich selbst und anderen gut gehen zu lassen. Doch im Jahr 2016 änderte sich schlagartig die Stimmung im Land, und viele meiner Mitbürger (und manche meiner Mitbürgerinnen) zeigten ein ganz anderes Gesicht. Im Gespräch mit ihnen erlebte ich nun immer öfter eine Hartherzigkeit, die mich erschreckte. Inzwischen weiß ich, dass diese Hartherzigkeit keine österreichische Eigenart ist, sondern überall regiert (oder zu regieren trachtet), wo wir Wohlhabenden uns vor den Hungerleidern fürchten.

Die damalige Innenministerin der Republik, jetzige Landeshauptfrau von Niederösterreich, versprach den Österreichern, Europa zu einer „Festung“ zu machen. Dieses Versprechen warf in mir manche Fragen auf: War es überhaupt in der Praxis einlösbar? Wenn ja, mit welchen Mitteln? Und wie würde es sein, in einer Festung zu leben?

Als Historiker fragte ich mich zudem, was die Befestigung des Kontinents für seine Geschichte bedeutete. Handelt diese doch seit einem halben Jahrtausend von der Entdeckung, Eroberung und Unterwerfung der Welt durch Europäer, also dem Gegenteil von Abschottung. Die globale Expansion ging einst von Europa aus und sie geht als wirtschaftliche Expansion immer weiter, auch wenn die europäischen Staaten die Herrschaft über ihre Kolonien verloren haben und sie längst nicht mehr die einzigen „global players“ sind.

Weil ich mehr wissen wollte über diese Geschichte, habe ich mich im Sommer 2016 im altmodischen Vehikel des Historikers auf die Reise gemacht und bin den Spuren eines ihrer Protagonisten gefolgt: jenen des berühmten Seefahrers Ferdinand Magellan, eigentlich Fernão de Magalhães.

Bild: Biblioteca Nacional de España

Der Portugiese befehligte 1519 eine spanische Flotte, die eine westliche Route zu den Molukken finden sollte, den Gewürzinseln in Südostasien. Er entdeckte einen Seeweg vom Atlantik in den Pazifik, die heute nach ihm benannte Magellan-Straße, und kam bis zu den Visayas auf den heutigen Philippinen, wo er am 27. April 1521 im Kampf mit Einheimischen starb. Seine Gefährten setzten die Reise fort. Eine Handvoll von ihnen erreichte im September 1522, nach knapp drei Jahren, wieder den Heimathafen Sevilla – von Osten aus. Damit hatten sie als erste Menschen, von denen wir wissen, den gesamten Globus umrundet.

Mehr als zwei Jahre lang bin ich Magellans Spuren durch die Literatur und die Archive nachgegangen. Ich bin in die Lebenswelten frühneuzeitlicher Kaufleute, Ritter und Seefahrer eingetaucht, habe in alten Chroniken geschmökert, notarielle Urkunden transkribiert, Heuerlisten und Rechnungsbücher durchgekämmt. Schließlich bin ich virtuell in See gestochen und im Kielwasser von Magellans Schiffen einmal um die ganze Welt gereist.

Unterwegs habe ich einige fremde Kulturen kennengelernt, angefangen mit den Portugiesen und Spaniern des 16. Jahrhunderts, über die Tupi Brasiliens, die Vorfahren der Tehuelche in Patagonien und die Chamorros auf Guam, bis hin zu den Visayas und Molukken. Kurzum, ich habe im Kopf eine abenteuerliche Zeit- und Weltreise unternommen, von der ich nun in meinem neuen Buch berichte.

Es heißt „Magellan oder Die erste Umsegelung der Erde“ und erscheint am 14. Februar 2019 im Verlag C.H. Beck.

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