Neues von Pigafetta

Veröffentlicht am 19. Mai 2020

Es ist an der Zeit, wieder einmal von Antonio Pigafetta zu sprechen. Dem Ritter aus der norditalienischen Stadt Vicenza verdanken wir eines der schönsten Reisebücher der Weltliteratur, nämlich seinen Bericht über die erste Umrundung der Erde. Darin erzählt Pigafetta höchst anschaulich und lebendig von seiner Fahrt auf der Armada des Magellan, die ihn zwischen 1519 und 1522 von Spanien über Südamerika und den Pazifik bis zu den heutigen Philippinen, nach Borneo, zu den Molukken, nach Timor und um das Kap der Guten Hoffnung zurück nach Sevilla – kurzum: einmal rund um die Welt – führte.

Erste Karte der Magellanstraße, aus Pigafettas Bericht
(Bild: Biblioteca Nacional de Chile)

Bisher war Pigafettas Bericht auf Deutsch nur in gekürzten oder willkürlich umgearbeiteten Versionen erhältlich, die keinen authentischen Eindruck von diesem lesenswerten Text vermitteln. Ich habe mir daher, unterstützt vom Deutschen Übersetzerfonds, die Mühe gemacht, den gesamten Bericht nach der besten erhaltenen Handschrift, L 103 Sup. der Mailänder Biblioteca Ambrosiana, neu zu übersetzen. Und im Verlag wbg-Wissen verbindet habe ich einen kompetenten Partner gefunden, der meine Neuübersetzung im Druck herausgeben wird.

Neben der ersten vollständigen, originalgetreuen Übersetzung von Pigafettas Bericht ins Deutsche wird die Neuausgabe eine Einleitung und detaillierte Kommentare enthalten, die Leserinnen und Lesern der Gegenwart einen barrierefreien Zugang zur fernen Welt des frühen 16. Jahrhunderts ermöglichen. Außerdem werden darin erstmals sämtliche farbigen Miniaturen abgebildet sein, mit denen Pigafetta sein Werk geschmückt hat. Das Buch soll Mitte September erscheinen – ich freue mich schon sehr darauf!

Verdachtsunabhängige Kontrolle

Veröffentlicht am 17. April 2020

Am 28. April 2020 begeht Österreich ein denkwürdiges Jubiläum. An diesem Tag ist es genau 25 Jahre her, dass Innenminister Caspar Einem in Brüssel das Schengener Übereinkommen unterzeichnete. Bis zu dessen Umsetzung sollte es danach noch etwas dauern. Erst seit Ende 1997 konnten Reisende die Grenze ohne – wie es in der Polizeisprache heißt – „verdachtsunabhängige Kontrolle“ passieren.

So war es auch, als meine Frau, eine gebürtige Österreicherin, und ich, ein deutscher Staatsbürger, im Frühjahr 2005 von Deutschland nach Österreich übersiedelten, um uns im Weinviertel niederzulassen. Niemand wollte an der Grenze unsere Pässe sehen und niemand interessierte sich für den Inhalt des Kleintransporters, mit dem wir unseren Hausrat in die neue, für meine Frau alte, Heimat überführten.

Bild: Bernd Ctortecka

In den folgenden Jahren haben wir die Grenze ungezählte Male gequert: um Verwandte und Freunde zu besuchen, zu Familienfeiern, zu beruflichen Zwecken, oft allein, manchmal zu zweit, meistens mit den Kindern. Den Kindern erzählten wir beim Grenzübertritt gern, wie es früher war, als man noch kontrolliert wurde und mit Wartenzeiten rechnen musste. Dabei redeten wir wie alte Leute, wenn sie von längst vergangenen Dingen erzählen, die sich die Jüngeren nicht richtig vorstellen können. Von Dingen, die zwar von leiser Nostalgie umflort sein mochten, die aber ehrlicherweise niemand vermisste. Für eine österreichisch-deutsche Familie wie uns war „Schengen“ einfach nur ein Segen.

Bild: Bernd Ctortecka

Wie segensreich die Schengener Bräuche gewesen waren, erfuhren wir, als wir Anfang 2016 wieder einmal nach Deutschland reisten. Gegen Mitternacht hämmerte es gegen die Tür unseres Liegewagenabteils und eine Männerstimme riss uns aus den Träumen: „Aufmachen! Bundespolizei. Passkontrolle!“ Auf meine verwunderte Frage, was wir uns denn hätten zuschulden kommen lassen, dass er unseren und unserer Kinder Schlaf störe, erklärte mir der Beamte, sie würden im Zug nach illegal einreisenden Personen suchen. Wohl um die Sinnhaftigkeit seines Tuns zu betonen, fügte er hinzu, dass sie in der vorherigen Nacht sogar eine solche Person aufgegriffen hätten.

Seither wurden Grenzkontrollen für uns wieder zur Normalität. Nicht nur erwarteten wir bei jedem Grenzübertritt, kontrolliert zu werden. Auch der Verkehrsfunk erinnerte uns regelmäßig an die veränderten Verhältnisse, wenn er die Wartezeiten an den Grenzübergängen durchgab. Aber auch diese andere Normalität, die im Herbst 2015 die Normen des Schengener Abkommens abgelöst hat, ist uns mittlerweile abhanden gekommen. Am 16. März 2020 wurde die Grenze zwischen Österreich und Deutschland vollends geschlossen, und sie wird es auch über den 28. April hinaus sein – diesmal allerdings nicht, um illegal einreisende Menschen, sondern um Coronaviren am Grenzübertritt zu hindern. Was aber auf dasselbe hinausläuft, weil nun alle Menschen im Verdacht stehen, Virenschmuggler zu sein.

Bild: Bernd Ctortecka

Für meine österreichisch-deutsche Familie ist die Grenzschließung eine Zäsur im Wortsinn, schneidet sie uns doch in einem bislang nie erlebten Maß von unseren Verwandten und anderen lieben Menschen ab. Nicht de jure, weil alle deutschen Staatsbürger weiterhin das Recht haben, nach Deutschland einzureisen, aber de facto – und vor allem gefühlt.

Angesichts der uns verordneten Entkörperlichung fast aller zwischenmenschlichen Beziehungen mag das nebensächlich sein. Dennoch erscheint es mir bemerkenswert, dass Österreich unter solchen Vorzeichen das 25jährige Jubiläum seines Beitritts zum Schengener Übereinkommen begeht – und nicht etwa feiert, denn zu feiern wäre allenfalls die Öffnung der Grenze nach dem Abklingen der Pandemie. So denn die Grenze wieder geöffnet wird …

Bild: Bernd Ctortecka

Am 15. April hat das deutsche Bundesinnenministerium mitgeteilt, dass der Minister „aus migrations- und sicherheitspolitischen Gründen … die vorübergehende Wiedereinführung von Binnengrenzkontrollen an der deutsch-österreichischen Landgrenze mit Wirkung zum 12. Mai 2020 für einen sechsmonatigen Zeitraum auf Grundlage der Art. 25 bis 27 des Schengener Grenzkodex neu angeordnet hat“.

„Schengen“ bleibt also – bis auf ministeriellen Widerruf – Geschichte. Damit aber nicht in Vergessenheit gerät, wie es zwischenzeitlich an den Grenzen aussah, stelle ich aus Anlass des „Jubiläums“ einige der Bilder online, die der Fotograf Bernd Ctortecka im Jahr 2005 an der österreichisch-deutschen Grenze aufgenommen hat. Die Bilder sollten seinerzeit eine Bestandsaufnahme liefern, im Jahr Zehn nach dem Schengen-Beitritt Österreichs. Sie waren gedacht als Einladung zur Reflexion, was das scheinbare Verschwinden der Staatsgrenzen ästhetisch und symbolisch bedeutete. Heute scheinen sie uns an eine Utopie zu erinnern, die vielleicht niemals Wirklichkeit geworden ist.

 

 

Weitere Info zum Schengen-Projekt (2005).

Der Heilige Hiob auf Timor

Veröffentlicht am 23. März 2020

Am 25. Januar 1522 erreichte der italienische Ritter Antonio Pigafetta auf dem spanischen Dreimaster Victoria die Insel Timor. Pigafetta und seine Gefährten waren nicht die Ersten, die aus Europa nach Timor kamen. Portugiesische Schiffe liefen die Insel bereits seit ein paar Jahren immer wieder an, um ihren wichtigsten Exportartikel einzukaufen: Sandelholz. Die Victoria war allerdings das erste Schiff, das Timor, ja überhaupt Asien von Westen kommend ansteuerte, auf dem langen Weg um die Südspitze Amerikas herum und über den Pazifik. Und Pigafetta war der erste europäische Autor, der eine Beschreibung der Insel lieferte – in seinem „Bericht über die erste Umrundung der Erde“, den er nach der Rückkehr verfasste.

Karte von Timor aus Pigafettas Bericht. Süden ist oben. Bild: Wikimedia Commons

Neben anderen Details über die Lebensweise der Einheimischen, ihre Kleidung und Ernährung, die Sandelholzproduktion und die Herrschaftsverhältnisse auf Timor berichtete Pigafetta auch von einer Krankheit, die auf allen Inseln des Malaiischen Archipels grassiert habe, besonders stark aber auf Timor. Pigafetta nannte diese Krankheit „das Leiden des Heiligen Hiob“. Die Einheimischen würden sie allerdings „for franchi“ nennen, „das heißt portugiesische Krankheit“.

Frühe Darstellung eines Syphilis-Kranken. Albrecht Dürer zugschrieben. Bild: Wikimedia Commons

„Leiden des Heiligen Hiob“: Das war im Europa der Frühen Neuzeit ein Name für die Syphilis, eine Seuche, die am Ende des 15. Jahrhunderts erstmals in Italien massenhaft ausgebrochen war und von der man annimmt, dass Rückkehrer der Columbus-Expeditionen sie aus Amerika eingeschleppt hatten. Pigafettas Bericht zeigt, dass die Syphilis ein Vierteljahrhundert später bereits den äußersten östlichen Rand der „Alten Welt“ erreicht hatte, mutmaßlich an Bord portugiesischer Schiffe, waren diese bis dato doch die einzigen, die den Seeweg zwischen Europa und Asien befuhren. Daher nannten die Einheimischen sie „portugiesische“ oder wörtlich „fränkische Krankheit“.

Mit dem Adjektiv „fränkisch“ wurden in Indien und Südasien seit etwa der Zeit Karls des Großen allgemein Fremde belegt, die aus Europa kamen. Zu Anfang des 16. Jahrhunderts waren das mehrheitlich Portugiesen, die durch Schiffs- und Geschlechtsverkehr einen Beitrag zur „unification microbienne du monde“ (Emmanuel Le Roy Ladurie) leisteten, zur „mikrobiellen Vereinigung der Welt“ im beginnenden Zeitalter der Globalisierung. In der vedischen Medizin heisst die Syphilis übrigens auch heute noch „firanga roga“: fränkische Krankheit.

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