Die Zeichen der Zeit

Veröffentlicht am 20. März 2021

Dieses Foto wurde heute vormittag ca. 25 Kilometer nördlich von Wien aufgenommen, knapp vor dem astronomischen Frühlingsanfang um 10:37 Uhr MEZ:

Was es sonst noch Neues gibt?

Meine Neu-Übersetzung von Antonio Pigafettas  Weltreisebericht, die seit Weihnachten vergriffen bzw. nur als „Book on Demand“ erhältlich war, ist endlich wieder lieferbar. Für alle, die es noch nicht wissen: Es ist die erste vollständige, orignalgetreue und farbig illustrierte deutsche Übersetzung dieses überaus lesenswerten Buches aus dem Jahr 1524.

Und am Dienstag, den 16. März 2021, jährte sich zum 500. Mal der Tag, an dem europäische Seefahrer erstmals der heutigen Philippinen ansichtig wurden.  Daniela Wakonigg hat aus dem Anlass für den WDR ein so stimmungsvolles wie nachdenklich stimmendes „Zeitzeichen“ produziert, zu dem ich ein Interview beisteuern durfte: hier nachzuhören.

Re-entry oder: Dieses Spiel geht nur zu zweit

Veröffentlicht am 8. März 2021

Heute ist der Tag, an dem eine gewisse sprachliche Unterscheidung große Beachtung findet: die von „Frau“ und „Mann“. Sie wird im Diskurs, jedenfalls seit dem 19. Jahrhundert, vielfach als sozialer Antagonismus verhandelt, der sich mit einem Modell der Spieltheorie als Kampf der Geschlechter oder auch, unter Rückgriff auf Hegel, als Dialektik von Magd und Herr beschreiben lässt. Beides hat viel für sich, aber heute will ich einen anderen Zugang zu diesem Thema wählen.

Nach einer Denkfigur von Niklas Luhmann (die Luhmann wiederum dem Logiker George Spencer Brown abgeschaut hat) kann jegliche Unterscheidung in einem zweiten Schritt auf die eine Seite des Unterschiedenen angewendet werden. Luhmann nennt diese Operation (wiederum mit George Spencer Brown) „re-entry“. Im Fall der Unterscheidung „Frau/Mann“ hieße das, dass die als Frau oder Mann markierten Personen ihrerseits im Hinblick auf ihre weiblichen oder männlichen Seiten unterschieden werden können. Mit anderen Worten, eine Beobachterin kann eine Frau als ausgesprochen feminin oder im Gegenteil als maskulin beschreiben und ebenso einen Mann als effeminiert oder eben viril.

Betrachte ich den aktuellen Diskurs um die Rollen von Frau und Mann unter der Figur des „re-entry“, nehme ich vorherrschend eine (oft unausgesprochene) normative Präferenz für die männliche Seite der Unterscheidung wahr. Wer die Gleichstellung der Frau fordert, meint in der Regel den Zugang von Frauen zu sozialen Rollen, die bis vor wenigen Generationen Männern vorbehalten waren: Rollen, die vor allem der sogenannten Arbeitswelt zuzordnen sind, und innerhalb dieser insbesondere Führungsrollen. Frauen, so wird implizit angenommen, wollen und sollen wie Männer Karriere machen und deren Rollen besetzen. Sie sollen mit Männern – und anderen Frauen – um Erfolg, Prestige, Einfluss, Geld, kurzum sozialen Status konkurrieren.

So sehr ich (im Rahmen meiner bescheidenen Möglichkeiten) die Forderung nach Gleichstellung unterstütze, so einseitig finde ich sie. Zugespitzt formuliert läuft der Diskurs darauf hinaus, dass Frauen möglichst wie Männer werden sollen und dass die Gesellschaft ihnen diese Möglichkeit einzuräumen habe. Traditionell weiblich definierte Rollen wie insbesondere das Aufziehen von Kindern und, damit räumlich verbunden, die Sorge für den Haushalt erscheinen dabei vorwiegend als lästiges Hindernis für die beruflichen Karrieren von Frauen, das ausgeräumt werden muss.

Bild: AnonMoos, toa267, Public domain, via Wikimedia Commons

Gelingen soll das a) durch technische Errungenschaften, die die Hausarbeit (oft nur scheinbar) erleichtern (und de facto oft vermehren, weil sie Perfektionsansprüche fördern), b) durch die Auslagerung häuslicher Arbeit, sofern möglich, an sozial schwächere Menschen (also in den meisten Fällen wieder an Frauen), oder c) indem die männlichen Partner einen größeren Anteil an besagter Arbeit übernehmen. Männer, die nicht imstande sind, ihre Frauen durch Methode a) oder b) zu entlasten und daher selbst Hausarbeit und Kinderbetreuung leisten müssen, erleiden nach der Spieltheorie einen Verlust, weil sie ein gesellschaftlich höher bewertetes, „männliches“ Gut – beruflichen Erfolg – gegen ein geringerwertiges, „weibliches“ eintauschen müssen.

Als unsere Tochter auf die Welt kam, hatte auch ich das skizzierte Werteschema im Kopf, und als liberaler und fortschrittlicher Mann, der ich mich dünkte, war ich bereit, meinen Beitrag zu leisten, damit meine hochintelligente, gut ausgebildete Frau möglichst rasch nach der Geburt in ihren Beruf zurückkehren konnte. Meine Frau und ich waren uns daher einig, die Betreuung unserer Tochter während der ersten Lebensjahre so aufzuteilen, dass in Summe jede von uns in etwa die Hälfte übernehmen würde. Im Großen und Ganzen, denke ich, ist die Rechnung für uns beide aufgegangen, auch seitdem einige Jahre später ein Sohn dazugekommen ist. Was sich jedoch im Lauf der Zeit geändert hat, ist unsere Motivation.

Ging es vor allem mir anfangs darum, meiner Frau den Rücken für ihre berufliche Selbstverwirklichung freizuhalten, so empfinde ich es heute als Glück für mich, dass ich so viel Verantwortung für die Kinder übernehmen, so viel Zeit mit ihnen verbringen durfte und – in altersbedingt abnehmendem Umfang – noch darf. Meine Kinder haben mich gelehrt, die Welt mit anderen Augen zu sehen, und sie haben mir selbst quasi eine zweite Kindheit ermöglicht, ein emotionales Abenteuer, das meine Persönlichkeit verändert hat in einer Weise, die ich als Befreiung und Bereicherung erlebe. Sie ließe sich mit Luhmann und George Spencer Brown als „re-entry“ des Weiblichen in mein männlich sozialisiertes Ego beschreiben.

Aus dieser Erfahrung heraus bemängele ich, dass im Diskurs um die Befreiung der Frau die männliche Seite der Unterscheidung dominiert. Frauen sollen noch immer frei werden von Kindern und Haushalt und für die Männerwelt bezahlter Arbeit, auf dass sie in ihr Karriere machen und viel Geld verdienen, Männer wiederum ihre Plätze freimachen und lernen, sich mit einem geringeren gesellschaftlichen Status zu bescheiden, wie er weiblichen Rollen zugemessen wird. Die Gleichstellung der Frau erscheint so als Nullsummenspiel. Dabei geht es für uns Männer gar nicht darum, etwas zu verlieren, sondern zu gewinnen. Daran möchte ich am Weltfrauentag erinnern.

Skifoan!

Veröffentlicht am 22. Februar 2021

Wer Anfang der siebziger Jahre in Norddeutschland zur Welt kam, dem wurden die Ski nicht in die Wiege gelegt, schon gar nicht in der Gesellschaftsschicht, in die ich geboren wurde. Die Alpen waren weit weg, und Winterurlaub war teuer. Unbelastet von eigenen Erfahrungen mit dieser Sportart konnte ich mir also in aller Ruhe eine Meinung über sie bilden, welche lautete: Skifahren ist nichts für mich! Ich stellte mir darunter so etwas wie Eislaufen vor, nur viel grauslicher, weil man beim Skifahren nicht bloß auf wackligen Sohlen unwillkürlich in irgendeine Richtung schlitterte und dann hinfiel, sondern das ganze auch noch bergab.

Dann kam der Tag, da ich in eine österreichische Familie einheiratete und die Eltern meiner Frau uns in den Skiurlaub einluden. Die Einladung auszuschlagen, wäre unhöflich gewesen. Und obwohl ich fand, mit über dreißig viel zu alt zu sein, erklärte ich mich bereit, einen Tag mit meiner Schwiegermutter – die als Lehrerin etliche Schulskikurse begleitet hatte – auf den „Deppenhügel“ zu gehen, um mich in den Grundlagen des alpinen Skilaufs unterweisen zu lassen. Insgeheim gedachte ich im Laufe des Tages meine Untauglichkeit zu diesem Sport so gründlich unter Beweis zu stellen, dass nie wieder jemand auf die Idee käme, mich dazu ermuntern zu wollen.

Was gute Pädagogik doch bewirken kann …

Am nächsten Nachmittag fuhr ich bereits, wenn auch hauptsächlich zur Belustigung – oder Verärgerung – der übrigen Skifahrer, meine erste „rote“ Piste hinab, und aus dem Urlaub heimgekehrt war das erste, was ich tat, beim Alpenverein einen „Tiefschnee-Schnupperkurs“ zu buchen. Der Kurs trug seinen Namen völlig zu Recht – jedenfalls was mich betraf, denn die meiste Zeit lag ich mit der Nase im Schnee. Meiner Begeisterung tat das keinen Abbruch. Sie hält bis heute an, obwohl ich den Rummel der großen Skigebiete schon lange leid bin, ebenso wie die bretthart präparierten Kunstschnee-Pisten und die horrenden Preise, die man für eine Liftkarte zahlt. Aber eine gemächliche Skitour durch die stille Landschaft, ein paar beherzte Schwünge durch Pulver oder Firn – was gäbe es Schöneres zur Winterzeit!

Auf die Piste gehen wir auch noch ab und an, hauptsächlich der Kinder wegen, damit sie an die frische Luft kommen und sich bewegen, was uns in diesem Winter noch dringlicher erscheint als sonst, wo doch alle Sportvereine, alle Schwimmbäder und Turnhallen stillgelegt sind. Von den skandalösen Zuständen, über die in den Medien berichtet wurde, haben wir in den Skigebieten im Osten Österreichs allerdings nichts bemerkt. Auch wenn zum Teil einiges los war: Die Liftbetreiber hatten Regeln für einen sicheren Betrieb festgelegt und sorgten, sofern nötig, für deren Einhaltung. Die allermeisten Leute hielten eh Abstand und trugen Masken. Statt einer heißen „Supp‘n“ zu Mittag und beschallter Hüttengaudi gab es geschmierte Brote und Tee aus der Thermoskanne am Parkplatz. Und dann hieß es wieder „nix wie aufi“!

Weiße Götter, braune Naturkinder

Kritische Anmerkungen zu Stefan Zweigs biografischem Roman Magellan. Der Mann und seine Tat

Veröffentlicht am 26. November 2020

Als ich dem Verlag C.H. Beck im Frühjahr 2016 vorschlug, ein Buch über Magellan und die erste historisch bezeugte Weltumrundung zu machen, ahnte ich nicht, dass mich der Mann und die Taten, die ihm nachgesagt werden, fast fünf Jahre später noch beschäftigen würden. Das Buch, das pünktlich zum 500. Jahrestag von Magellans Aufbruch Richtung Ostasien 2019 herauskam, ist inzwischen in dritter Auflage erhältlich und in seinem Kielwasser segelt seit vergangenem September ein weiteres: meine Neu-Übersetzung des Reiseberichts von Antonio Pigafetta, die erste vollständige und originalgetreue Übersetzung dieses höchst lesenswerten Textes in die deutsche Sprache. Anscheinend bewegen die Abenteuer frühneuzeitlicher Seefahrer auch die Menschen des 21. Jahrhunderts – und bewegen sie sogar dazu, Bücher zu verlegen und zu lesen!

Stefan Zweig
Bild: Brazilian National Archives, Public domain, via Wikimedia Commons

Aber welche Bücher? Im Zuge meiner Recherchen für das Magellan-Buch las ich natürlich auch Stefan Zweigs romanhafte Darstellung des Stoffes aus den 1930er Jahren, abermals nicht ahnend, dass auch dieser Mann und seine schriftstellerische Tat mich noch Jahre später geistig in Beschlag nehmen würden. Vor allem war mir nicht bewusst, wie sehr die literarische Figur Magellan, die Stefan Zweig erschaffen hat, bis heute das Bild prägt, das sich viele Menschen von der historischen Person machen, die dahinter steht: dem portugiesischen Ritter Fernão de Magalhães.

Nun ist die Unterscheidung von Literatur und Geschichte eine künstliche und unscharfe. Die Grenzen zwischen beiden Genres sind fließend. Das kann man sehr gut an Zweigs Magellan und der Rezeption seines Buchs studieren. Zweig hatte seinen Stoff gründlich recherchiert, und die äußere Handlung seiner Erzählung entspricht weitgehend dem, was zu seiner Zeit in der nicht-fiktiven Literatur – also in dem, was wir heute Sachbücher nennen – über Magellan und die erste Erdumsegelung nachzulesen war. In der Einleitung erklärte Zweig ausdrücklich, er habe Magellans Geschichte „nach allen erreichbaren Dokumenten möglichst der Wirklichkeit getreu“ dargestellt. Seine Leserinnen und Leser könnten daher auf die Idee kommen, ein literarisch geschriebenes Sachbuch („literary non-fiction“) in den Händen zu halten, das den Maßstäben historischer Kritik standhält und ein realistisches Bild der erzählten Zeit, der Welt des 16. Jahrhunderts, zeichnet. Doch das ist mitnichten der Fall.

Fiktives Portät Magellans vom Ende des 16. Jahrhunderts.
Bild: Crispijn van de Passe, Public domain, via Wikimedia Commons

Aus der Sicht historischer Wissenschaft, zumal des 21. Jahrhunderts, ist Zweigs Magellan ein durch und durch anachronistischer Text. Während die äußere Handlung im 16. Jahrhundert spielt und die meisten der geschilderten Ereignisse durch historische Quellen verbürgt sind, sind Zweigs Aussagen über die Psyche seines Helden und das, was man sein inneres Drama nennen kann, pure Fiktion. Dasselbe gilt für viele kausale Zuschreibungen, die der Autor vornimmt, das heißt seine Erklärungen, warum dies oder jenes geschehen sei. Für all diese Aussagen und Zuschreibungen fehlen nicht nur jegliche historischen Belege. Sondern sie sind auch höchst unwahrscheinlich – zumindest für jeden, der mit der Welt des 16. Jahrhunderts nur ein bisschen vertraut ist. Das innere Drama von Zweigs Magellan spielt mithin nicht im 16., sondern im 20. Jahrhundert. Es ist eine Erfindung des Autors. Man könnte auch sagen: Es ist das innere Drama des Stefan Zweig.

Dieser Befund wäre nicht langer Rede wert, wenn Zweigs Geschichtsklitterung nicht bis heute eine derartige Wirkung ausüben würde. Zweigs Magellan ist Wind auf die Mühlen all derer, die noch immer glauben, dass die Geschichte (jedenfalls bis zum Amtsantritt von Angela Merkel) von großen Männern gemacht wurde. Von großen weißen Männern, versteht sich.

Anachronistisch ist dieses Geschichtsbild deshalb, weil Magellan für einen Großteil der Taten, die Zweig ihm zuschreibt, keineswegs verantwortlich war – für andere, von denen Zweig ihn freispricht, hingegen sehr wohl. Magellan hatte, soweit wir wissen können, niemals die Absicht, die Erde zu umrunden oder gar zu „beweisen“, dass die Erde rund ist. Nicht einmal die Idee, im Süden Amerikas eine Durchfahrt nach Asien zu suchen, stammte von ihm selbst. Dieses Ziel verfolgten seine Auftrag- und Geldgeber in Kastilien, der königliche Rat und Bischof Juan Rodríguez de Fonseca und der Kaufmann Cristóbal de Haro, schon mehr als ein Jahrzehnt,  bevor sie Magellan an Bord holten. Fonseca und Haro waren die Drahtzieher des Molukken-Unternehmens. Magellans Rolle lässt sich am ehesten als die eines „Geschäftsführers im Außendienst“ beschreiben.

Zweigs Romanfigur Magellan ist, auch dies ein Anachronismus, ein typischer sozialer Aufsteiger, wie ihn die bürgerliche Gesellschaft des 19. Jahrhunderts so verehrte: ein „unbekannter Soldat“, der aufgrund seiner außerordentlichen Talente eine atemberaubende Karriere macht. In Wirklichkeit gehörte Magellan qua Geburt einer hauchdünnen Schicht privilegierter Adliger an, und gewiss hat er niemals, wie Zweig sich zusammenfantasiert, eigenhändig ein Segel gerefft oder gar an einer Lenzpumpe geschwitzt. Dafür hatte man zu Magellans Zeit Schiffsjungen beziehungsweise Sklaven.

Die Flotte, die sich Magellan bei Stefan Zweig ganz allein aus eigener Kraft und nach eigener Idee erschuf, wurde in Wirklichkeit nach genauen Vorgaben Fonsecas von Beamten und Agenten der kastilischen Kolonialbürokratie auf Kiel gelegt, die in diesem Metier auf zwanzig Jahre Erfahrung zurückgreifen konnten. Auch die Tauschwaren, die die Flotte für den Handel mitführte, hat keineswegs Magellan aufgrund seiner vermeintlich langjährigen Erfahrung mit außereuropäischen „Naturkindern“ zusammengestellt, sondern wiederum Fonseca persönlich. Dafür war es Magellan, der in Patagonien aus eigener Initiative zwei großgewachsene Einheimische kidnappen ließ und zu diesem Zweck, wie Antonio Pigafetta in seinem Reisebericht bezeugt, eine schäbige List anwandte. Zweig fabuliert an dieser Stelle von einem angeblichen „Auftrag“ der spanischen Regierung, der nirgendwo dokumentiert ist, und schiebt die List den Matrosen in die Schuhe, die lediglich Magellans Befehle ausführten.

„Patagonier an der Schwelle ihrer Behausung“.
Bild: Arturo W. Boote. Photographe, Public domain, via Wikimedia Commons

Völlig anachronistisch ist schließlich auch Zweigs Darstellung der verschiedenen nicht-europäischen Gesellschaften, mit denen Magellan und seine Mannen im Lauf ihrer langen Fahrt zusammentrafen: die Tupi im heutigen Brasilien, die Vorfahren der Tehuelche im heutigen Patagonien, die Chamorros auf Guam, die Visayer auf den heutigen Philippinen und die Molukker. Für Zweig waren sie alle „Naturkinder“ und vor allem allesamt „braun“. Alle sind sie in seinem Roman ohne Unterschied kindliche, naive und zumeist gutmütige „Narren“, die zu den „weißen Göttern“ aus Europa ehrfurchts- und vertrauensvoll aufblicken.

Dass Europäer dieses Vertrauen  allzu oft missbrauchten, beklagt der Humanist Zweig mit aufrichtigem Herzen. Seinen Helden Magellan will er von solcher Kritik freilich ausgenommen wissen (s.o.). Als Magellan auf den Visayas einige Dörfer mit Krieg überzog, um seinen Herrschaftsanspruch mit Gewalt zu untermauern, handelte er nach Zweig bloß aus einem „Gefühl der Pflicht“ heraus und weil er gegen einen „störrischen“ Häuptling „keine andere Wahl als das Argument der Waffe“ hatte. Bekanntlich verfügte sein Gegner, der Datu Lapulapu, über die stärkeren Argumente, und so fiel Magellan am 27. April 1521 im Kampf auf Mactan. Dass sein Held „durch ein lächerliches Menscheninsekt“, durch „einen braunen Lümmel, der keine ungeflickte Matte in seiner dreckigen Hütte“ hatte, „gefällt“ wurde, konnte Stefan Zweig offenbar nur schwer verwinden. An dieser Schlüsselstelle des Romans weicht die Attitüde wohlwollender Herablassung, die der Autor den „braunen Naturkindern“ gegenüber sonst an den Tag legt, unverhohlener Aggressivität.

Lapulapu erschlägt Magellan. Gemälde im Lapulapu Shrine, Mactan
Bild: Nmcast at English Wikipedia, lizensiert unter CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Die Menschen außereuropäischer Kulturen, mit denen Magellan auf seiner Fahrt zusammentraf, stellt Zweig durchwegs so dar, als stünden sie auf einer niedrigeren kulturellen und geistigen Entwicklungsstufe – so weit unten, dass ihre Kultur und Lebensformen gar nicht interessieren. Stattdessen werden sie unterschiedslos mit dem Klischee des unbedarft-gutmütigen Wilden belegt oder, wie „die Feuerländer“ im Vorbeifahren als „kulturell völlig niedere Rasse“ abgetan. Indem er den vermeintlichen Entwicklungsstufen menschlicher Gesellschaften eindeutige Hautfarben zuwies („braune Naturkinder“ – „weiße Götter“), benutzte Zweig einen rassistischen Code, der dem 16. Jahrhundert so fremd war, wie wir ihn heute unerträglich finden.

Das alles heißt natürlich keinesfalls, dass man Zweigs Magellan nicht mehr lesen oder das Buch gar auf irgendeinen Index setzen sollte. Aber wer es liest, sollte sich bewusst machen, dass er oder sie darin wenig über einen Seefahrer des frühen 16. Jahrhunderts erfährt, dafür umso mehr über die Fantasien eines österreichischen Großbürgers der 1930er Jahre, den die Selbstzerfleischung seiner eigenen Kultur ins Exil und in die Verzweiflung trieb.

Siehe auch:

Die fehlenden Strophen des Weltgedichts, erschienen am 24.10.2019 in Die Furche.

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