Ewig bleibt im Ohr der Klang

Veröffentlicht am 3. Januar 2022

Was FM4 angeht, war ich ja ein Spätberufener. Obwohl ich den Rundfunksender lange vorher kannte, habe ich ihn erst mit Anfang Vierzig so richtig entdeckt, dann aber so richtig, dass ich lang keinen anderen mehr gehört habe. Über Jahre hinweg blieb der Drehregler des alten Blaupunkt-Kofferradios in unserer Küche auf 103,8 MHz gestellt, und wenn ich der Hausarbeit nachging, kam mit den Wellen, die der Sender Kahlenberg auf dieser Frequenz ins Weinviertel ausstrahlt, ein wenig Weltläufigkeit und Progressivität in mein retardiertes Provinzdasein.

Es war nicht so sehr, dass ich mich beim Hören von FM4 wieder jung fühlte. Eher war es der verspätete Genuss, zuhörend am Lebensgefühl einer Jugend teilzuhaben, die anders als meine nicht in den Zwängen einer bildungsbürgerliche Erziehung und der Auflehnung dagegen stecken geblieben war. FM4 klang einfach „lässig“, das heißt auch die Musik, vor allem aber die Leute hinter den Mikrofonen. Deren Stimmen und Namen wurden mir mit der Zeit vertraut, manche Stimmen mochte ich mehr als andere und eine ganz besonders, weil sich das Jugendhafte, das ich an FM4 liebte, in ihrem Klang verkörperte. So bekannte ich am 8. Januar 2012, also vor fast genau zehn Jahren, einer Freundin in Deutschland per Mail:

Habe ich Dir eigentlich mal von meinem Radio-Schwarm erzaehlt? Ich hoere, wenn ich Radio hoere, allermeistens fm4, das ist der progressive, jugendliche Ableger des ORF, und da gibt es eine Moderatorin, die ich immer besonders gern hoere: Gerlinde Lang. Nicht so sehr wegen dem, was sie erzaehlt, oder wegen der Musik, die sie auflegt (obwohl mir die auch oft taugt), sondern hauptsaechlich oder eigentlich nur wegen ihrer Stimme und ihrer Art zu sprechen. Ich habe kein Bild von der Frau, mache mir auch keins (und will irgendwie auch nie eines sehen), aber wenn ich das Radio einschalte und sie moderiert (immer nur) zufaellig, hebt sich sofort meine Laune.“

Seit zwei, drei Jahren höre ich nicht mehr so oft FM4 (was hauptsächlich an der Musik liegt, mit der ich immer weniger anfangen kann). Dennoch fiel mir irgendwann auf, dass Gerlinde Langs Stimme länger nicht zu hören war, und ich machte mir Gedanken, was wohl mit ihr los sei: Umzug ins Ausland, berufliche Neuorientierung, Babypause? Als ich dann wieder einmal zufällig in eine von ihr moderierte Sendung stolperte, freute ich mich sehr, dass es sie noch gab, und so war es ein jedes der immer selteneren Male, dass ich ihre Stimme vernahm.

Bis ich Sonntag abend auf einer Autofahrt den „FM4 Zimmerservice“ einschaltete und, nach Bob Dylans „Don’t Think Twice“, den Moderator sagen hörte: „… Gerlinde Lang, die wie gesagt letzte Woche gestorben ist“. Erst dachte ich, ich hätte mich verhört, aber auf der Internetseite des ORF fand ich die Bestätigung, dass die Moderatorin „am 28. Dezember nach langer schwerer Krankheit verstorben ist“.

Es stimmt mich traurig, dass ich beim Aufdrehen des Radios nie mehr unverhofft Gerlinde Langs Stimme hören werde. Doch sie wird mir im Ohr bleiben.

Auf der Suche nach Hans

Veröffentlicht am 23. Dezember 2021

In seinem Frühneuzeitroman „Eine Geschichte des Windes“ erzählt Raoul Schrott „Von dem deutschen Kanonier, der erstmals die Welt umrundete und dann ein zweites und ein drittes Mal“. Unlängst erhielt ich die Anfrage, ob es diesen Kanonier tatsächlich gegeben und die Geschichte des Romans somit einen wahren Kern habe.

Ja, hat sie. Eine andere Frage ist, wie groß dieser Kern ist und wie fest.

In den Heuerlisten von Magellans Molukken-Expedition, die im spanischen „Indienarchiv“ in Sevilla verwahrt werden, finden sich die Namen von drei Männern, die mit sehr großer Wahrscheinlichkeit Deutsche waren. Sie alle wurden als „Lombarderos“ angeheuert, das heißt als Geschützmeister, die sich auf die Bedienung schwerer Feuerwaffen verstanden (vom Wort „lombarda“, das im damaligen spanischen Sprachgebrauch einen schweren Geschütztyp bezeichnete; vgl. deutsch „Bombarde“). Einer der drei Männer hieß „Jorge“, also Georg, die anderen trugen beide den Namen „Hans“ bzw. „Hanse“.

Bombarde des 15. Jahrhunderts im Museu Marinha Lisboa
Bild: Hispalois, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Offenbar hatten die spanischen Schreiber es nicht so mit deutschen Namen. Mal buchstabierten sie „Hans“, mal „Hanse“, dann wieder „Anes“ (sprich „Hannes“). Doch unsere beiden „Hanse“ lassen sich trotzdem gut auseinanderhalten. Erstens wurden in den Heuerlisten auch die Namen ihrer Herkunftsorte und Eltern verzeichnet, und zweitens dienten sie auf verschiedenen Schiffen, Hans Nummer 1 als „condestable“, das heißt Chef der Artillerie, auf der Nao Concepción und Hans Nummer 2 als „lonbardero“ (sic!) auf der Nao Vitoria. Dieser zweite Hans war „gebürtig aus Agan“, was gemeinhin mit „Aachen“ gleichgesetzt wird.

Als die Nao Vitoria Anfang September 1522 nach fast dreijähriger Odyssee rund um den Globus – der ersten historisch belegten Umrundung der Erdewieder einen spanischen Hafen anlief, befand sich unter den 21 Überlebenden an Bord auch ein „Anes lonbardero“. Dass dies Hans 2 war, der mutmaßliche Aachener, geht aus der Endabrechnung seiner Heuer hervor, wo aufgeführt ist, dass er während der gesamten Fahrt auf der Vitoria gedient hatte, am Ende im Rang einescondestable“.

Eintrag für „Hans lonbardero natural de agan“ im Heuerbuch der Magellan-Armada
Bild: Archivo General de Indias, CONTRATACION,5090,L.4, f. 47r(Ausschnitt)

Im übrigen umrundete auch Hans Nummer 1 die Erde, allerdings nicht an Bord der Vitoria. Der in den Dokumenten zumeist Hanse Vargue“ (sprich „Hans Barge“) Genannte geriet auf den Molukken in portugiesische Gefangenschaft. Jahre später, 1526, gelang ihm auf einem portugiesischen Schiff die Rückkehr nach Lissabon, wo er kurz darauf im Kerker starb.

So weit, so gut – oder ungut. Aber wie steht es mit der zweiten und dritten Umrundung der Erde?

Dass der Geschützmeister Hans aus Aachen ein zweites Mal um die Welt gesegelt und damit der erste Mensch sei, dem solches gelang, liest man nicht nur im Roman von Raoul Schrott, sondern auch auf Wikipedia. Zum Beleg wird dort auf das Buch „The First Circumnavigatorsverwiesen, in dem der amerikanische Forscher Harry Kelsey Geschichten über „die ersten Weltumsegler“ zusammengetragen hat. Darin erfährt man, dass besagter Hans auch auf der zweiten spanischen Molukken-Expedition anheuerte, die 1525 unter dem Kommando von García Jofre de Loaísa in See stach. Diese Expedition nahm ein sehr unglückliches Ende.

Nur eines von sechs Schiffen erreichte die Molukken, keines kehrte nach Europa zurück. Lediglich ein paar versprengte Überlebende fanden Mitte der 1530er Jahre, so wie zehn Jahre zuvor die letzten Veteranen der Magellan-Expedition, auf portugiesischen Schiffen den Weg zurück in die Heimat. Einer davon war Andrés de Urdaneta, der später eine gewisse Berühmtheit erlangen sollte, weil er zu den ersten Europäern zählte, denen die Überquerung des Pazifik von Westen nach Osten gelang. Aber das war erst 1565 und ist eine andere Geschichte.

Nachdem Urdaneta 1536, auf dem Weg über Indien, von den Molukken nach Europa zurückgekehrt war (und damit gleichfalls die Erde umrundet hatte), schrieb er einen Bericht über die gescheiterte Loaísa-Expedition. Unter den Teilnehmern erwähnt er einen gewissen maestre Ans, condestable de los lombarderos“, also sinngemäß „Meister Hans, Chef der Artilleristen“. Über diesen „Meister Hans“ sagte Urdaneta aus, dass er zuvor schon mit Magellan zu den Molukken gefahren sei. Es kann sich dabei nur um Hans aus Agan/Aachen (Hans 2) handeln, weil dessen Namensvetter (Hans 1) ja bis 1526 in portugiesischer Gefangenschaft verblieb und dort starb.

Die Teilnehmer der Loaísa-Expedition von 1525, die es bis zu den Molukken geschafft hatten, lieferten sich dort einen jahrelangen, blutigen Kleinkrieg mit den Portugiesen. In diesem Zusammenhang erfahren wir aus Urdanetas Bericht über Meister Hans, dass er 1529 mit einigen seiner Kameraden zu den Portugiesen übergelaufen sei. Was danach aus ihm wurde, ist nirgends dokumentiert. Nur eine Handvoll von Loaísas Leuten schaffte es am Ende, über Portugiesisch-Indien nach Europa zurückzukehren. Und wiederum nur von einigen sind die Namen überliefert. Ein Hans, „Anes“ oder „Ans“ ist nicht darunter.

Keine Tropenidylle: Krieg um Gewürze auf den Molukken, Anfang 17. Jh.
Bild: HHEHUM, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Nun ist die Loaísa-Expedition nicht annähernd so gut dokumentiert und erforscht wie ihre Vorgängerin, die Armada des Magellan. Es könnte daher sein, dass noch irgendwo im Indienarchiv ein Aktenbündel herumliegt, aus dem wir mehr über das weitere Schicksal des Geschützmeisters Hans erfahren würden. Doch zumindest in den digitalisierten Beständen, die über das „Portal der spanischen Archive“ zugänglich sind, war nichts dergleichen zu finden.

Worauf stützt sich also die Behauptung, dem Hans aus Agan/Aachen sei ein zweites Mal die Umrundung der Erde geglückt?

Harry Kelsey verweist in seinem Buch „The First Navigators“ auf einen weiteren Expeditionsbericht, der, handgeschrieben und ohne Nennung des Autors, unter der Signatur Add. MS 9944 in der British Library aufbewahrt wird. Von diesem Bericht wurde bisher nur ein Teil gedruckt, aber erfreulicherweise hat die australische Nationalbibliothek ein vollständiges Digitalisat ins Netz gestellt. Der Bericht handelt im wesentlichen von einer weiteren spanischen Ostasien-Expedition, die 1542 unter dem Kommando von Ruy López de Villalobos von Neu-Spanien aus, dem heutigen Mexiko, in See stach, um die Philippinen anzusteuern.

Tatsächlich wird darin (Kapitel 31, f. 55v) abermals ein deutscher Geschützmeister namens Hans erwähnt, nämlich „un lombardero alemán llamado mahestre Anse“ (an anderer Stelle als „artillero mahestre Ans“). Dieser Hans half den Teilnehmern der Villalobos-Expedition mit einem von ihm bedienten Geschütz aus der Patsche, als sie auf den Inseln Sarangani und Balut, an der Südostspitze Mindanaos, von einheimischen Kriegern bedrängt wurden. (Die Spanier waren anscheinend am Verhungern und steuerten daher die Inseln an, um Nahrungsmittel notfalls zu rauben, was sich die Einheimischen, wenig verwunderlich, nicht gefallen ließen.)

Wenn ich richtig sehe, war es diese Erwähnung, die Harry Kelsey veranlasst hat, jenem Hans aus Agan/Aachen, der 1519 bis 1522 auf der Nao Vitoria die Erde umrundete, noch eine zweite komplette Erdumsegelung zuzuschreiben. Denn wenn derselbe Hans sich 1542 unter López de Villalobos auf die Philippinen einschiffte, musste er ja zuvor von den Molukken, wo seine Anwesenheit 1529 dokumentiert ist, nach Mexiko gelangt sein, zum Ausgangspunkt der Villalobos-Expedition. Da die West-Ost-Überquerung des Pazifik bis dato keinem europäischen Schiff gelungen war, konnte er dorthin nur auf dem Weg über Indien und Europa gelangt sein, das heißt indem er ein weiteres Mal die Erde umrundete.

Portugiesische Nao des frühen 16. Jhs.
Bild: Lisuarte de Abreu, Public domain, via Wikimedia Commons

Kelsey macht diese Argumentation nirgends explizit, aber sie ist die einzige schlüssige Begründung für seine Behauptung, die ich mir denken kann. Einen anderen Hinweis, zum Beispiel Heuerlisten, wie sie von der Magellan-Expedition überliefert sind, habe ich bisher nirgends entdecken können. Zwingend ist diese Argumentation freilich nicht und die zweite Erdumrundung von Meister Hans in meinen Augen daher nicht als historische „Tatsache“ anzusehen.

Zwar gibt es belastbare Belege dafür, dass ein Hans aus „Agan“ (Aachen?) an Magellans Molukken-Expedition von 1519 teilnahm, auf der Nao Vitoria die Erde umrundete und 1522 nach Spanien zurückkehrte, sich 1525 unter Loaísa abermals zu den Molukken einschiffte und sich bis mindestens 1529 dort aufhielt. Aber dieser Hans muss nicht derselbe Hans sein, der 1543 auf Sarangani sein Geschütz in Stellung brachte.

Jedenfalls lässt sich aus der Namensgleichheit nicht zwingend auf die Identität der Person schließen, selbst wenn beide denselben Beruf des Geschützmeisters ausübten. Dafür war Hans seinerzeit einfach ein zu häufiger Name, wie man ja schon daran sieht, dass auf Magellans Expedition gleich zwei „Hanse“ mit demselben Metier anheuerten – ganz abgesehen von ihren zahlreichen spanischen und italienischen Namensvettern, all den Juans und Giovannis, die ebenfalls mitfuhren. Aus der Geschichte der Frühen Neuzeit und mehr noch des Mittelalters kennt man dieses Phänomen zur genüge: die Häufung gleicher Namen ohne weitere Spezifizierung, die bei der Identifizierung von historischen Individuen Probleme macht und oft zu Fehlschlüssen verleitet.

Aber selbst, wenn der Hans von 1519/29 und jener von 1542 dieselbe Person waren, was ja immerhin möglich ist: Wer sagt, dass dieser Hans, nachdem er 1529 auf den Molukken zu den Portugiesen übergelaufen war, überhaupt nach Europa zurückgekehrt ist? Von anderen Teilnehmern der Expedition, die in portugiesische Gefangenschaft geraten waren, weiß man, dass sie bereitwillig in Asien blieben. Einzelne gründeten dort sogar Familien, andere reisten weiter, zum Beispiel nach China. Rein theoretisch könnte unser Hans daher auch in Südostasien geblieben und, auf welchem Wege auch immer, auf die heutigen Philippinen gelangt sein, wo er sich wieder den Spaniern angeschlossen hätte, die 1543 dort landeten.

Was von weitem wie eine „historische Tatsache“ aussieht, entpuppt sich bei näherer Betrachtung oft als grobkörniges, unscharfes Gebilde mit wenigen klaren Konturen, aber dafür umso mehr Schattierungen und grauen Flächen, die sich für Projektionen aller Art eignen. Was nach meinem Verständnis den Historiker vom Dichter – und die Historikerin von der Dichterin – unterscheidet, ist die Art und Weise, wie wir mit dieser Sachlage umgehen. Auch wir müssen Leerstellen in der Überlieferung überbrücken, zuweilen unscharfen Dingen klarere Konturen geben, müssen dabei aber stets den Unterschied kenntlich machen zwischen dem, was durch die Quellen, Dokumente, archäologische Funde usw. vorgegeben ist, und den Gedanken, die wir aus diesen Gegebenheiten entwickeln. Ich denke, dieser Unterschied ist wichtig.

Daher mein Fazit: Es ist durchaus möglich, dass der Geschützmeister Hans aus Agan (Aachen?), der 1519 bis 1522 auf der Nao Vitoria die Erde umrundete, dies zwischen 1525 und 1535 ein zweites Mal tat. Erwiesen ist es (bisher) nicht.

Impfen und Freiheit

Veröffentlicht am 24. November 2021

Als unser erstes Kind auf die Welt kam, haben wir viel mit unserer Kinderärztin diskutiert, einer sehr erfahrenen Frau, die einerseits alternative Medizin wie etwa Homöopathie praktizierte, andererseits aber vehemente Befürworterin des Impfens war. Wir dagegen machten uns Sorgen, dass unsere Tochter, ein zartes Wesen, an den zahlreichen empfohlenen Impfungen Schaden nehmen könnte. Zudem sahen wir nicht ein, warum das Kind gleich gegen sechs Krankheiten auf einmal geimpft werden musste, darunter gegen Keuchhusten, der zwar unangenehm ist, aber nur sehr selten lebensbedrohlich verläuft, und gegen Hepatitis B, mit dem sich ein gestillter Säugling, der in behüteten europäischen Verhältnissen aufwächst, schwerlich ansteckt.

Die Diskussionen zogen sich über Monate hin. Längst hatten wir den ersten Geburtstag unserer Tochter gefeiert, als wir den Argumenten unserer Ärztin endlich nachgaben und sie erstmals impfen ließen. Seither sind viele Jahre vergangen, und sowohl unsere Tochter als auch ihr jüngerer Bruder haben im Lauf der Jahre eine Reihe von Impfungen erhalten, die sie allesamt gut vertragen haben, unsere Tochter im vergangenen Juni auch die Covid-Impfung mit Comirnaty. Beide sind gesunde Kinder, nur selten krank, und sie entwickeln sich gut. Ob trotz oder wegen der Impfungen, kann ich nicht sagen, nur dass diese ihnen bisher anscheinend nicht geschadet haben – genauso wenig wie mir und meiner Frau.

Umgekehrt halte ich es für einen Irrglauben, dass Impfungen das wichtigste oder gar einzige Mittel sind, um gesund zu bleiben. Dazu braucht es nach meiner Erfahrung auch reichlich Bewegung an der frischen Luft, eine ausgewogene Ernährung, ein gewisses, nicht zu hohes Maß an Hygiene und noch etliches mehr, zum Beispiel eine Familie, Freunde, Musik, gute Bücher und einen Sinn in dem, was man tagtäglich tut. Von daher bedaure ich, dass die politischen Anstrengungen zur Überwindung der Covid-Pandemie fast ausschließlich auf die Ausmerzung des Krankheitserregers durch Impfung hinauslaufen. Auch der moralische und demnächst auch gesetzliche Druck, der auf Menschen ausgeübt wird, die nicht geimpft sind, ist mir zutiefst zuwider. Er geht mir gegen den Strich meiner liberalen Gesinnung.

Was staatlicher Zwang ist, habe ich als junger Mann am eigenen Leib erfahren. Als Kriegsdienstverweigerer musste ich fünfzehn Monate lang in einem Krankenhaus im Schichtbetrieb Pflegedienst leisten, für Kost und Logis und ein Taschengeld. Und das, um ein Gesundheitssystem am Laufen zu halten, das von Ungerechtigkeit und Ausbeutung derer geprägt ist, die darin arbeiten. Diese Erfahrung hat, um es vorsichtig auszudrücken, keine Liebe zum Staat in mir erweckt. Eine solche Liebe verspüre ich bis heute nicht, aber nachdem ich ein wenig in der Welt herumgekommen bin, sehe ich mittlerweile die Vorteile eines staatlichen Gewaltmonopols. Im Rückblick sehe ich auch den Zivildienst nicht mehr nur negativ, obwohl ich den Zwang zu einem solchen Dienst nach wie vor ablehne. Ein erwachsener Mensch sollte für alles, was er tut oder unterlässt, selbst Verantwortung übernehmen.

So verteidigte der Mennonit Daniel Musser während des amerikanischen Bürgerkrieges 1864 das Recht von Christen, den Kriegsdienst zu verweigern, weil dieser nicht mit Jesu Gebot der Gewaltlosigkeit vereinbar sei. Zugleich begründete Musser in seiner Schrift „Non-Resistance Asserted, dass jemand, der Gewalt ablehne und dem Staat nicht mit der Waffe dienen wolle, konsequenterweise auch weder den Schutz des Gesetzes noch die Dienste der Staatsgewalt, etwa der Gerichte oder Polizei, für sich in Anspruch nehmen dürfe. Die Staatsgewalt abzulehnen und gleichzeitig von ihr zu profitieren, ist ein ethischer Widerspruch.

Dasselbe gilt in nach meinem Verständnis auch für die Covid-Impfung und das gesetzliche Gesundheitssystem. Zweifellos gibt es viele Gründe, sich nicht gegen Covid impfen zu lassen. Allerdings würde ich erwarten, dass diejenigen, die sich aus freien Stücken gegen die Impfung entscheiden, eine Patientenverfügung unterschreiben, durch die sie im Fall einer Erkrankung an Covid darauf verzichten, in öffentlichen Gesundheitseinrichtungen behandelt zu werden. Wären alle Ungeimpften so konsequent, dann würde sich nicht nur die Lage auf den Intensivstationen entspannen, sondern im ganzen Land. Eine Impfpflicht wäre aller Wahrscheinlichkeit nach unnötig, und die unselige Spaltung zwischen Geimpften und Ungeimpften, die seit Wochen den öffentlichen Diskurs vergiftet, würde geheilt.

Liebe Impfskeptiker, bitte seid so frei: Tut, was ihr für richtig haltet, aber übernehmt Verantwortung für eure Entscheidung!

Überlegungen zur Problematik der bekanntesten Gedichtform italienischen Ursprungs

Veröffentlicht am 21. September 2021

Ganz früher schrieb ich öfter mal Sonette.
Ich saß herum und dachte lange nach,
ich brachte Verse unter Dach und Fach
und suchte Reime, knackige und fette.

Doch das ist lange her. Es ist, als hätte
ich diese Kunst verlernt, als läg’ sie brach.
Schon gräm ich mich deswegen, doch Gemach!
Für Selbstzerfleischung ist hier nicht die Stätte.

Jawohl, Sonette schreiben, das ist Arbeit
und nichts, was man so nebenbei vollbringt.
Das macht man nicht aus Jux in seiner Freizeit,

so wie man in der Badewanne singt.
D’rum haltet meinen Jubel nicht für Tollheit,
wenn ein Sonett mir wieder mal gelingt.

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