Verdachtsunabhängige Kontrolle

Veröffentlicht am 17. April 2020

Am 28. April 2020 begeht Österreich ein denkwürdiges Jubiläum. An diesem Tag ist es genau 25 Jahre her, dass Innenminister Caspar Einem in Brüssel das Schengener Übereinkommen unterzeichnete. Bis zu dessen Umsetzung sollte es danach noch etwas dauern. Erst seit Ende 1997 konnten Reisende die Grenze ohne – wie es in der Polizeisprache heißt – „verdachtsunabhängige Kontrolle“ passieren.

So war es auch, als meine Frau, eine gebürtige Österreicherin, und ich, ein deutscher Staatsbürger, im Frühjahr 2005 von Deutschland nach Österreich übersiedelten, um uns im Weinviertel niederzulassen. Niemand wollte an der Grenze unsere Pässe sehen und niemand interessierte sich für den Inhalt des Kleintransporters, mit dem wir unseren Hausrat in die neue, für meine Frau alte, Heimat überführten.

Bild: Bernd Ctortecka

In den folgenden Jahren haben wir die Grenze ungezählte Male gequert: um Verwandte und Freunde zu besuchen, zu Familienfeiern, zu beruflichen Zwecken, oft allein, manchmal zu zweit, meistens mit den Kindern. Den Kindern erzählten wir beim Grenzübertritt gern, wie es früher war, als man noch kontrolliert wurde und mit Wartenzeiten rechnen musste. Dabei redeten wir wie alte Leute, wenn sie von längst vergangenen Dingen erzählen, die sich die Jüngeren nicht richtig vorstellen können. Von Dingen, die zwar von leiser Nostalgie umflort sein mochten, die aber ehrlicherweise niemand vermisste. Für eine österreichisch-deutsche Familie wie uns war „Schengen“ einfach nur ein Segen.

Bild: Bernd Ctortecka

Wie segensreich die Schengener Bräuche gewesen waren, erfuhren wir, als wir Anfang 2016 wieder einmal nach Deutschland reisten. Gegen Mitternacht hämmerte es gegen die Tür unseres Liegewagenabteils und eine Männerstimme riss uns aus den Träumen: „Aufmachen! Bundespolizei. Passkontrolle!“ Auf meine verwunderte Frage, was wir uns denn hätten zuschulden kommen lassen, dass er unseren und unserer Kinder Schlaf störe, erklärte mir der Beamte, sie würden im Zug nach illegal einreisenden Personen suchen. Wohl um die Sinnhaftigkeit seines Tuns zu betonen, fügte er hinzu, dass sie in der vorherigen Nacht sogar eine solche Person aufgegriffen hätten.

Seither wurden Grenzkontrollen für uns wieder zur Normalität. Nicht nur erwarteten wir bei jedem Grenzübertritt, kontrolliert zu werden. Auch der Verkehrsfunk erinnerte uns regelmäßig an die veränderten Verhältnisse, wenn er die Wartezeiten an den Grenzübergängen durchgab. Aber auch diese andere Normalität, die im Herbst 2015 die Normen des Schengener Abkommens abgelöst hat, ist uns mittlerweile abhanden gekommen. Am 16. März 2020 wurde die Grenze zwischen Österreich und Deutschland vollends geschlossen, und sie wird es auch über den 28. April hinaus sein – diesmal allerdings nicht, um illegal einreisende Menschen, sondern um Coronaviren am Grenzübertritt zu hindern. Was aber auf dasselbe hinausläuft, weil nun alle Menschen im Verdacht stehen, Virenschmuggler zu sein.

Bild: Bernd Ctortecka

Für meine österreichisch-deutsche Familie ist die Grenzschließung eine Zäsur im Wortsinn, schneidet sie uns doch in einem bislang nie erlebten Maß von unseren Verwandten und anderen lieben Menschen ab. Nicht de jure, weil alle deutschen Staatsbürger weiterhin das Recht haben, nach Deutschland einzureisen, aber de facto – und vor allem gefühlt.

Angesichts der uns verordneten Entkörperlichung fast aller zwischenmenschlichen Beziehungen mag das nebensächlich sein. Dennoch erscheint es mir bemerkenswert, dass Österreich unter solchen Vorzeichen das 25jährige Jubiläum seines Beitritts zum Schengener Übereinkommen begeht – und nicht etwa feiert, denn zu feiern wäre allenfalls die Öffnung der Grenze nach dem Abklingen der Pandemie. So denn die Grenze wieder geöffnet wird …

Bild: Bernd Ctortecka

Am 15. April hat das deutsche Bundesinnenministerium mitgeteilt, dass der Minister „aus migrations- und sicherheitspolitischen Gründen … die vorübergehende Wiedereinführung von Binnengrenzkontrollen an der deutsch-österreichischen Landgrenze mit Wirkung zum 12. Mai 2020 für einen sechsmonatigen Zeitraum auf Grundlage der Art. 25 bis 27 des Schengener Grenzkodex neu angeordnet hat“.

„Schengen“ bleibt also – bis auf ministeriellen Widerruf – Geschichte. Damit aber nicht in Vergessenheit gerät, wie es zwischenzeitlich an den Grenzen aussah, stelle ich aus Anlass des „Jubiläums“ einige der Bilder online, die der Fotograf Bernd Ctortecka im Jahr 2005 an der österreichisch-deutschen Grenze aufgenommen hat. Die Bilder sollten seinerzeit eine Bestandsaufnahme liefern, im Jahr Zehn nach dem Schengen-Beitritt Österreichs. Sie waren gedacht als Einladung zur Reflexion, was das scheinbare Verschwinden der Staatsgrenzen ästhetisch und symbolisch bedeutete. Heute scheinen sie uns an eine Utopie zu erinnern, die vielleicht niemals Wirklichkeit geworden ist.

 

 

Weitere Info zum Schengen-Projekt (2005).

Der Heilige Hiob auf Timor

Veröffentlicht am 23. März 2020

Am 25. Januar 1522 erreichte der italienische Ritter Antonio Pigafetta auf dem spanischen Dreimaster Victoria die Insel Timor. Pigafetta und seine Gefährten waren nicht die Ersten, die aus Europa nach Timor kamen. Portugiesische Schiffe liefen die Insel bereits seit ein paar Jahren immer wieder an, um ihren wichtigsten Exportartikel einzukaufen: Sandelholz. Die Victoria war allerdings das erste Schiff, das Timor, ja überhaupt Asien von Westen kommend ansteuerte, auf dem langen Weg um die Südspitze Amerikas herum und über den Pazifik. Und Pigafetta war der erste europäische Autor, der eine Beschreibung der Insel lieferte – in seinem „Bericht über die erste Umrundung der Erde“, den er nach der Rückkehr verfasste.

Karte von Timor aus Pigafettas Bericht. Süden ist oben. Bild: Wikimedia Commons

Neben anderen Details über die Lebensweise der Einheimischen, ihre Kleidung und Ernährung, die Sandelholzproduktion und die Herrschaftsverhältnisse auf Timor berichtete Pigafetta auch von einer Krankheit, die auf allen Inseln des Malaiischen Archipels grassiert habe, besonders stark aber auf Timor. Pigafetta nannte diese Krankheit „das Leiden des Heiligen Hiob“. Die Einheimischen würden sie allerdings „for franchi“ nennen, „das heißt portugiesische Krankheit“.

Frühe Darstellung eines Syphilis-Kranken. Albrecht Dürer zugschrieben. Bild: Wikimedia Commons

„Leiden des Heiligen Hiob“: Das war im Europa der Frühen Neuzeit ein Name für die Syphilis, eine Seuche, die am Ende des 15. Jahrhunderts erstmals in Italien massenhaft ausgebrochen war und von der man annimmt, dass Rückkehrer der Columbus-Expeditionen sie aus Amerika eingeschleppt hatten. Pigafettas Bericht zeigt, dass die Syphilis ein Vierteljahrhundert später bereits den äußersten östlichen Rand der „Alten Welt“ erreicht hatte, mutmaßlich an Bord portugiesischer Schiffe, waren diese bis dato doch die einzigen, die den Seeweg zwischen Europa und Asien befuhren. Daher nannten die Einheimischen sie „portugiesische“ oder wörtlich „fränkische Krankheit“.

Mit dem Adjektiv „fränkisch“ wurden in Indien und Südasien seit etwa der Zeit Karls des Großen allgemein Fremde belegt, die aus Europa kamen. Zu Anfang des 16. Jahrhunderts waren das mehrheitlich Portugiesen, die durch Schiffs- und Geschlechtsverkehr einen Beitrag zur „unification microbienne du monde“ (Emmanuel Le Roy Ladurie) leisteten, zur „mikrobiellen Vereinigung der Welt“ im beginnenden Zeitalter der Globalisierung. In der vedischen Medizin heisst die Syphilis übrigens auch heute noch „firanga roga“: fränkische Krankheit.

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Magellan in der Zehntscheuer Entringen

Aktualisiert am  28. Januar 2020

Autorenlesung

Am Donnerstag, den 23. Januar 2020, habe ich um 19:30 Uhr in der Nähe von Tübingen aus meinem aktuellen Buch Magellan oder Die erste Umsegelung der Erde gelesen.

Veranstaltungsort war die mehr als 500 Jahre alte Entringer Zehnscheuer in der Gemeinde Ammerbuch, die von einem Kulturverein saniert wurde:

Bild: Förderverein Zehntscheuer Ammerbuch-Entringen

Hier ein Bericht über die Lesung im Schwäbischen Tagblatt vom 25. Januar 2020.

„… dass wir die gesamte Rundung der Welt entdeckt haben.“

Aktualisiert am 12. Dezember 2019

 

Bild: Verlag C.H. Beck

Spannend wie ein Seefahrer-Roman“ (Welt am Sonntag)

„Jostmann verflicht gekonnt die historischen Quellen zu einer spannenden Erzählung, ohne Überlieferungslücken mit Spekulationen zu füllen und somit den Sachbuchcharakter aufzuweichen.“ (Sebastian Hollstein in Spektrum der Wissenschaft)

„Ein Sachbuch wie man es sich wünscht, eines das fachlich kaum Fragen und stilistisch keine Wünsche offenlässt, das seine Geschichte in allen Details und in aller Ruhe auserzählt und so … eine tiefe Immersion schafft, die einen immer weiter ins Abenteuer hineinzieht. Für so ein Leseerlebnis lasse ich jeden Roman liegen.“ (dampierblog.de)

„In der neuesten Darstellung von Magellans Abenteuer bietet der Historiker Christian Jostmann eine nüchterne, indes nicht minder spannende, fachkundige und lesenwerte Narration.“ (Oliver vom Hove in Die Presse)

Eine neue, gelungene Biografie …, die den Lebensweg des Portugiesen in spanischen Diensten spannend nacherzählt, gut recherchiert ist und sprachlich außerordentlich beeindruckt.“ (Alexander Querengässer in Zeitschrift für Geschichtswissenschaft)

Der Mensch Magellan starb und sein Mythos begann. Jostmann nimmt den Mythos und zeigt uns den Menschen.“ (Ingo Löppenberg in Das Historisch-Politische Buch)

Auf Platz 5 der 10 besten Sachbücher für den Monat August – eine Empfehlungsliste der Literarischen Welt, Neuen Zürcher Zeitung, von WDR 5 und Radio Österreich 1.

Jetzt auch in 3., durchgesehener Auflage!

Wer mehr als nur die übliche Heldensaga vom „größten Seefahrer aller Zeiten“ (Stefan Zweig)  lesen will, findet in meinem Buch „Magellan oder Die erste Umsegelung der Erde“ alles, was ihn interessiert:

Wie kam es dazu, dass der portugiesische Ritter Fernão de Magalhães einen Vertrag mit dem kastilischen König schloss, um für ihn die Molukken zu „entdecken“, die legendenumwobenen Gewürzinseln?

Wie sahen die Schiffe aus, mit denen Magellan und seine Mannschaft am 20. September 1519 in See stachen, und wie wurden sie ausgerüstet? Wie war das Leben an Bord? Wie fanden die Steuermänner ihren Kurs?

Was erlebten die Seefahrer auf ihrer jahrelangen Reise, die einige von ihnen um den ganzen Globus führen sollte? Wie viele kehrten am Ende nach Europa zurück? Warf das Unternehmen tatsächlich einen Gewinn ab, wie immer behauptet? Und was bedeutete es für die Zeitgenossen, dass erstmals ein Schiff die Erde umfahren hatte?

Gratis zum Download (pdf):

Bibliographie

Personenverzeichnis

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Erste Erdumrundung on air

Veröffentlicht am 13. September 2019

Am 10. August 1519 legte die spanische Armada zu den Gewürzinseln, deren Kommandant Fernão de Magalhães – Magellan – hieß, von Sevilla ab. Sie fuhr den Guadalquivir hinunter bis zu dessen Mündung und ging in einem Hafen bei Sanlúcar de Barrameda vor Anker. Dort blieb sie sechs Wochen, weil die fünf Schiffe noch mit Proviant und den Waren beladen werden mussten, die man im fernen Osten bzw. Westen gegen Gewürze eintauschen wollte. Am 20. September waren alle Arbeiten abgeschlossen, so dass die Armada endlich in See stechen konnte. Von vielen wird daher der 20. September 1519 als Beginn jener großen Reise angesehen, die als erste Umsegelung der Erde in die Geschichte eingehen sollte.

Werbung für den Radioapparat „Magellan“ von Océanic (1961). Bild: pubmag59

Dem Jubiläum widmet der Radiosender SWR2 von Montag, den 16., bis Freitag, 20.9., jeden Vormittag ab 9:05 Uhr eine „Musikstunde„, in der Stefan Franzen „den Seeweg der Portugiesen und Spanier mit Musik aus fünf Jahrhunderten, aus allen Kontinenten und Genres von Klassik über Jazz bis zu den jeweiligen Volkskulturen“ nachzeichnet. Eine musikalische See- und Zeitreise, auf die ich schon sehr gespannt bin.

In der Woche darauf – ab Montag, den 23.9. – wird sich der Rundfunksender Ö1 unter dem Titel „Die Erde ist keine Scheibe“ mit dem historischen Ereignis beschäftigen, und zwar an vier Vormittagen ab 9:30 Uhr für jeweils eine Viertelstunde. Zu diesem Radiokolleg habe ich Wissen beigesteuert, und ich bin abermals neugierig darauf, was Andreas Wolf aus dem Thema gemacht hat

Andere Radioanstalten haben bereits um den 10. August Beiträge über Magellan und die erste Erdumrundung gesendet.

Besonders gelungen finde ich nach wie vor das „Zeitzeichen“ auf WDR5, das Ralph Erdenberger zum Anlass produziert hat. Zu empfehlen gerade auch für jüngere Hörerinnen und Hörer!

Mehr um die historischen Hintergründe und die Einordnung geht es im folgenden Beitrag, den der Deutschlandfunk im Rahmen der Reihe „Wendepunkte: Vorher – Nachher“ gebracht hat: „Gier, Ruhm und der Wettlauf der Nationen“.

Viel Spaß beim (Nach-) Hören!

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Ein halbes Jahrtausend …

Aktualisiert am 13. August 2019

… ist es nun her, dass vom Puerto de las Muelas in Sevilla fünf Schiffe ablegten. Es war der 10. August 1519, ein Mittwoch und Festtag des heiligen Lorenz. Zuvor hatte sich die Besatzung in der Kirche Santa Maria de la Vitoria zum Abschiedsgottesdienst versammelt, und der Statthalter des kastilischen Königs hatte dem Kommandanten der Flotte die Standarte überreicht. Danach waren alle zum Hafen gezogen, wo die Schiffe, mit Wimpeln geschmückt und schwarz glänzend vom Pech, vertäut lagen. Salutschüsse donnerten über den Fluss. Ein Schiff nach dem anderen stieß vom Ufer ab, die Focksegel gingen hoch, Bug um Bug drehte sich stromabwärts. Noch am selben Tag brach ein Eilbote nach Barcelona auf, um die Nachricht an den Hof Karls I. zu bringen: Die Molukken-Armada hatte endlich abgelegt!

Sie sollte dem kastilischen König gebührenden Anteil am Handel mit kostbaren Gewürzen bescheren, die im fernen Indien  gediehen. Das zumindest hatte der Kommandant der Flotte, ein portugiesischer Ritter namens Fernão de Magalhães, den man hierzulande als Magellan kennt, dem König versprochen. Magellan wollte finden, was schon zahllose Seefahrer vor ihm vergebens gesucht hatten: einen westlichen Seeweg nach Indien, und so den östlichsten Teil von Asien kastilischer Herrschaft unterwerfen. Doch seine Rechnung ging nicht ganz auf.

Bild: Ansicht von Sevilla im 16. Jh., Alonso Sánchez Coello zugeschrieben (Datei: WIkimedia Commons)

Von jener Flotte, die am 10. August 1519 von Sevilla ablegte, kehrte am Ende nur ein Schiff zurück: die „Vitoria“. Ihr Befehlshaber hieß Juan Sebastián Elcano, denn Magellan war auf den Philippinen (die damals noch nicht so hießen) im Kampf mit deren Einwohnern gefallen, nachdem er und seine Crew tatsächlich einen westlichen Seeweg nach Asien gefunden hatten – durch eine Meerenge im tiefen Süden Amerikas, die heute  „Magellanstraße“ heißt. Erstaunlicher noch: Die „Vitoria“ kehrte, nachdem sie die Molukken angefahren hatte, über das Kap der Guten Hoffnung nach Spanien zurück und hat damit als erstes Schiff, von dem man weiß, die gesamte Erde umrundet. Daher gedenken wir in diesen Tagen der ersten historischen Erdumsegelung.

Hören Sie mehr darüber im „Zeitzeichen“ des WDR-Hörfunks zum 10.8.1519, von und mit Ralph Erdenberger.

Oder lesen Sie mein Buch:

Bild: Verlag C.H. Beck

Christian Jostmann: Magellan oder Die erste Umsegelung der Erde. 336 S., mit 11 Abb. und 2 Karten. Verlag C.H. Beck, München 2019. 24,95 Euro (D).

Eine ausführliche neue Rezension des Buches finden Sie jetzt auf dampierblog.de.

Das Pigafetta-Projekt

VeröffentlichT am 3. Juni 2019

In den Jahren 1519 bis 1522 umsegelte erstmals ein Schiff nachweislich die gesamte Erde von Ost nach West. Zu den wenigen Überlebenden dieser epischen Fahrt, die der Portugiese Ferdinand Magellan im Auftrag der spanischen Krone initiiert hatte, gehörte Antonio Pigafetta, ein Patrizier aus Vicenza. Pigafetta schrieb nach der Rückkehr ein Buch über seine Erlebnisse, das heute als Klassiker der Reiseliteratur gilt.

Pigafetta war der erste, der in Europa von fremden Kulturen wie den Patagoniern (die von ihm ihren Namen erhielten), den Chamorros auf Guam, den Visayas auf den heutigen Philippinen, von fernen Inseln wie Borneo und Timor berichtete. Er begegnete dem Fremden mit Neugier und erstaunlich wenig Vorurteilen; und er wusste seine Erfahrungen in Worte zu kleiden, die nicht nur seinen Zeitgenossen eine ferne Welt näherbrachten, sondern diese auch für Leserinnen und Leser des 21. Jahrhunderts wieder lebendig werden lassen.

Von Pigafettas anhaltender Bedeutung kündet eine Vielzahl von Studien, Editionen und Übersetzungen aus dem Venezianischen, etliche davon jüngeren Datums. So erschien 2007 eine vorzügliche Neuausgabe des französischen Pigafetta im Pariser Verlag Chandeigne.

Bild: J.A. Robertson, Magellan’s Voyage Around the World

Wer jedoch Pigafettas Reisebericht auf deutsch lesen möchte, muss auf einen verstümmelten Text zurückgreifen. In der einzigen auf dem hiesigen Buchmarkt erhältlichen Ausgabe ist der Originaltext an mehreren Stellen verkürzt, dafür sind andere Passagen hinzugefügt, die nicht aus Pigafettas Feder stammen, ohne dass die Kürzungen und Hinzufügungen als solche kenntlich gemacht wären. So wurde etwa folgender Abschnitt über den Aufenthalt der Flotte in der Guanabara- Bucht (Rio de Janeiro) kommentarlos gestrichen (Übersetzung von mir):

„Ein schönes Mädchen kam eines Tages auf das Flaggschiff, wo ich mich aufhielt, einfach nur um anzubandeln. Wie sie so abwartend dastand, warf sie einen Blick in die Kajüte des Meisters und sah dort einen Nagel, länger als ein Finger. Den nahm sie mit großer Vornehmheit und Anmut an sich, schob ihn zwischen die Lippen ihrer Natur und verschwand plötzlich, wobei sie sich ganz klein machte. Dies sahen der Generalkapitän und ich.“

Man muss kein Philologe oder Historiker sein, um derartige Eingriffe in einen Text, der zu den großen der Weltliteratur zählt, inakzeptabel zu finden. Eine zeitgemäße Neuausgabe von Pigafetta Reisebericht für ein deutsch lesendes Publikum ist überfällig, und ich bin überzeugt, dass eine solche auch am Buchmarkt ihre Käuferinnen und Käufer fände.

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WERK.GÄNGE

Veröffentlicht am 18. Mai 2019

Ein Abend, auf den ich mich besonders freue:

Die Literaturkritikerin und Feuilleton-Chefin der Furche, Brigitte Schwens-Harrant, hat mich nach Wien in die Österreichische Gesellschaft für Literatur zu einem Autorengespräch eingeladen. Sie wird mir mir unter anderem „über das Verhältnis von Literatur und Historie sprechen und über die Kunst, Geschichte zu recherchieren und zu erzählen.“ Im Laufe des Abends werde ich auch aus meinen Büchern lesen.

Österreichische Gesellschaft für Literatur
Palais Wilczek, Herrengasse 5, Stiege 1, 2. Stock
1010 Wien

Montag, 27. Mai 2019
19 Uhr

Der Eintritt ist frei.

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Ankündigung: Lesung bei München

Veröffentlicht am 24. April 2019

Am Samstag, den 4. Mai, werde ich im Rahmen der Unterhachinger Lesenacht aus meinem neuen Buch Magellan oder Die erste Umsegelung der Erde lesen – und zwar gleich zweimal:

um 19 Uhr im KUBIZ (Jahnstraße 1, Unterhaching)

um 21 Uhr in der Gemeindebücherei (Rathausplatz 11)

Ich freue mich über jede Zuhörerin und jeden Zuhörer!

Weitere Infos und Kartenreservierung unter: www.unterhachinger-lesenacht.de

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Magellan-Mythen

Veröffentlicht am 8. März 2019

Wir wissen nicht allzu viel über Magellan, jenen Ritter portugiesischer Herkunft, der im September 1519 als Befehlshaber einer kleinen spanischen Flotte in See stach, um einen neuen Seeweg zu den Molukken zu erschließen, den Gewürzinseln in Südostasien. Aus seinem Leben vor dieser Reise, die seinen Namen unsterblich machen sollte, sind nur spärliche Daten bekannt. Manch einer hat versucht, die Lücken mit Legenden zu füllen. So ist mit der Zeit ein Magellan-Mythos entstanden, reich an Ausschmückungen und spekulativen Elementen, die in Ermangelung harter Fakten weitererzählt werden.

So liest man oft, Magellan sei (um) 1480 im nordportugiesischen Dorf Sabrosa geboren. Allein die Jahreszahl ist nicht mehr als bloße Vermutung. Magellan lebte in einer Zeit, die sich noch nicht dem Datensammeln verschrieben hatte. Es gab weder Geburtsurkunden noch Kirchenbücher, geschweige denn Melderegister. Das älteste gesicherte Dokument, das eindeutig auf seine Person verweist, ist eine Mannschaftsliste aus dem Jahr 1505. Damals schiffte Magellan sich auf der Flotte des Vizekönigs Dom Francisco de Almeida von Lissabon nach Indien ein. Über sein Alter zu diesem Zeitpunkt verrät die Liste nichts, außer dass er wohl kein Knabe mehr war.

Sicher ist hingegen, dass Magellan der namhaften Adelssippe der Magalhães entstammte, die ihren Stammsitz in der Terra da Nóbrega hatte und deren zahlreiche Familienzweige sich über weite Teile Nordportugals erstreckten. Der Vorname Fernão war in der Familie offenbar sehr beliebt: Im 15. und 16. Jahrhundert lässt sich ein halbes Dutzend verschiedener Träger des Namens „Fernão de Magalhães“ ausmachen – was es naturgemäß erschwert, den „richtigen“ Magellan ausfindig zu machen.

Anfang einer Schenkungsurkunde vom 19. März 1519, durch die Magellan seiner Schwester Ysabel das elterliche Landgut überschrieb. Bild: Archivo Histórico Provincial de Sevilla

Die beiden wichtigsten Dokumente, die ein wenig Licht in das Dunkel von Magellans Herkunft bringen, stammen aus dem Jahr 1519 – dem Jahr seiner Abreise zu den Molukken. Das eine ist sein Testament, das die Namen seiner Eltern und Geschwister nennt, darunter den seiner Schwester Ysabel. Das zweite ist ein Schenkungsvertrag zugunsten eben dieser Schwester. Ihr vermachte Magellan vor seiner Abfahrt das Landgut, das er als Erstgeborener von seinen bereits verblichenen Eltern Rui und Alda geerbt hatte. Das Landgut befand sich in Vila Nova de Gaia, unweit von Porto südlich des Douro, und umfasste Weinberge, Kastanienhaine und Äcker zum Getreideanbau. Wenn man über den Ort spekulieren möchte, wo Magellan geboren wurde und aufwuchs, dann sprechen die Fakten eindeutig für Porto beziehungsweise Vila Nova de Gaia. Das Dorf Sabrosa hat Magellan wahrscheinlich nie betreten.

Der Schenkungsvertrag lag fast ein halbes Jahrtausend im Archiv der Notare von Sevilla verborgen. Erst vor wenigen Jahren haben Historiker überhaupt Notiz von ihm genommen. Außer wenigen Fachleuten dürfte er kaum jemandem bekannt sein. In meinem Buch „Magellan oder Die erste Umsegelung der Erde“ habe ich dieses Dokument – so wie eine Vielzahl anderer – natürlich berücksichtigt. In diesem Buch hinterfrage ich den schon so oft erzählten Magellan-Mythos mittels Quellenkenntnis und -kritik. Damit versuche ich zu zeigen, dass Magellans Geschichte auch ohne spekulative Ausschmückungen und Legenden erzählenswert ist:

Bild: Verlag C.H. Beck

Christian Jostmann: Magellan oder Die erste Umsegelung der Erde. 336 S., mit 11 Abb. und 2 Karten. Verlag C.H. Beck, München 2019. 24,95 Euro (D).

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